Artikel erschienen am 07.10.2019

Mittelständischer M&A-Markt Deutschland – Quo vadis?

Von Oliver Bach, Frankfurt

Die Unsicherheiten im Hinblick auf die weitere Entwicklung des M&A-Marktes sind aufgrund eines sich abzeichnenden Konjunkturrückgangs, globaler Handelsstreitigkeiten und politischer Unwägbarkeiten selten so groß gewesen wie im Sommer 2019. Wie geht es weiter und was erwartet Verkäufer, Käufer und M&A-Berater in der näheren Zukunft?

These 1: Makroökonomisches Umfeld als Spielverderber

Im Juli 2019 ist der ifo-Index deutlich von 97,5 auf 95,7 Punkte gefallen. Im Bereich des Verarbeitenden Gewerbes ist der ifo-Geschäftsklima-Index aktuell negativ. Die Gründe für diese Entwicklung liegen auf der Hand: Der zum „Währungskrieg“ eskalierende Handelsstreit zwischen den USA und China, der ungelöste Brexit (steigende Wahrscheinlichkeit des „No-Deal-Brexit“-Szenarios) sowie ein zunehmender Fachkräftemangel im Inland. Deutschland als Exportnation ist von diesen Faktoren besonders betroffen und erlitt im Juni 2019 im Vorjahresvergleich einen Rückgang des Exportvolumens um 8 %. Unternehmenskäufer werden vor diesem Hintergrund vorsichtiger und ihre Investitionsentscheidungen kritischer hinterfragen.

These 2: Unternehmensbewertung – Ende der Multiplikator-Inflation

In den letzten Jahren konnten institutionelle Investoren allein durch kontinuierlich steigende Bewertungsmultiplikatoren regelmäßig sehr gute Renditen mit ihren Investments er­zielen („Multiplikator-Inflation“). Aufgrund des zwischenzeitlich erreichten hohen Niveaus der Bewertungsmultiplikatoren erwarten wir, dass bei Unternehmenskäufen in 2019 über die Haltedauer mit hoher Wahrscheinlichkeit keine (signifikant) höheren Multiplikatoren erzielt werden. Die Umsetzung operativer Wertsteigerungspotenziale ist für den Erfolg des Investments umso entscheidender.

Andererseits ist jedoch zu konstatieren, dass der durch den hohen Liquiditätsüberhang erzeugte, enorme Anlagedruck institutioneller Investoren, zumindest bei sehr gut positionierten Zielunternehmen, weiterhin zu – aus Verkäufersicht betrachtet – überaus attraktiven Bewertungsniveaus führen wird. Gleichwohl sehen wir (auch mit Blick auf unsere These 1) in zunehmendem Maße unterschiedliche Preisvorstellungen zwischen Verkäufer und Käufer als wichtigen Grund für das Scheitern einer M&A-Transaktion.

These 3: „Defensive“ Sektoren mit nachhaltig hohem M&A-Potenzial

Insbesondere institutionelle Investoren nehmen nach einem fast zehnjährigen konjunkturellen Aufschwung eine deutlichere Verlangsamung des Konjunkturwachstums bereits seit längerer Zeit vorweg. Unternehmen mit stabilen, gegen Konjunkturschwankungen resistenten Geschäftsmodellen (beispielsweise Medizintechnik, Software und IT) werden als Zielunternehmen eindeutig bevorzugt und erhalten höhere Bewertungen. Insbesondere im Software-Segment hat sich ein regelrechter Ansturm der Investoren auf potenzielle Zielunternehmen entwickelt, mit der Konsequenz, dass auch für relativ kleine Unternehmen regelmäßig zweistellige EBITDA-Multiplikatoren gezahlt werden. Vor einigen Jahren wäre dies wenig wahrscheinlich gewesen.

These 4: Mittelständische M&A-(Verkaufs-)Transaktionen bleiben weiter anlassbezogen

Entscheidungen über den möglichen Verkauf eines (familiengeführten) mittelständischen Unternehmens werden überwiegend nicht durch strategische Motive, die inflationäre Entwicklung von Bewertungsmultiplikatoren, übergeordnete Markttrends (z. B. Branchenkonsolidierung) oder rein monetäre Beweggründe ausgelöst. Vielmehr spielen persönliche Überlegungen des Eigentümers bzw. der Unternehmerfamilie eine sehr dominante Rolle. Hieran wird sich unserer Einschätzung nach in den kommenden Jahren nichts ändern. Insofern sehen wir insbesondere für das Segment der mittelständischen Transaktionen – trotz des aktuellen Gegenwinds am deutschen M&A-Markt – eine anhaltend stabile Entwicklung voraus.

Fazit

Auch wenn sich das makroökonomische Umfeld aktuell deutlich eintrübt, bleiben wir unter dem Strich für den inländischen
M&A-Markt optimistisch. Besondere Auf­merksamkeit sollten Verkäufer auf eine sorgfältige Vorbereitung der Transaktion legen, denn ein im Markt gut positioniertes Unternehmen, dessen Wertpotenziale in der Verkaufs- und Transaktionsdokumentation professionell herausgearbeitet werden, wird in Zeiten eines nicht mehr ganz wolkenlosen M&A-Umfeldes nach wie vor zu sehr attraktiven Konditionen verkauft.

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