Artikel erschienen am 01.11.2012
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Innovation bedingt Investition

Möglichkeiten beim Finanzierungsmix für technologieorientierte Gründer und junge Wachstumsunternehmen

Von Dr. Ulf-Marten Schmieder, Halle (Saale | Anne Baschus, Halle (Saale

Innovationen werden durch neue Technologien und Dienstleistungen getrieben. Nicht selten entstehen diese im universitären Forschungsumfeld, sind aber auch in technologieorientierten Wachstumsunternehmen zu finden. Während der etablierte Mittelstand in Deutschland nach wie vor auf die bewährte Kreditfinanzierung zurückgreift, ist die Finanzierung von Innovationen für technologieorientierte Gründer und junge Wachstumsunternehmen oft aus mehreren Quellen zu speisen.

Für die Finanzierung von Innovationen stehen verschie-dene Instrumente zur Verfügung. Grundsätzlich ist zu entscheiden, ob die Finanzierung über die Einbringung von Eigenkapital erfolgen kann oder das Instrument der Fremdkapitalaufnahme bedient werden soll. Doch nicht in jedem Fall stehen Fremd- oder Eigenkapital in gewünschtem Umfang zur Verfügung. Zudem stehen junge Unternehmen vor der Herausforderung, aus einer Vielzahl potenzieller Eigen- bzw. Fremdkapitalgeber die optimalen Finanzierungspartner auszuwählen. Bei der Finanzierung von Innovationen haben Gründer und Wachstumsunternehmen somit zu prüfen, welches Instrument als sinnvoller Bestandteil eines optimalen Finanzierungsmixes in Erwägung zu ziehen ist.

Finanzierungsoption Fremdkapital

Gemäß Creditreform stellt die Fremdkapitalaufnahme in Form des klassischen Bankkredits mit 47,6 % nach wie vor die wichtigste Kapitalquelle für deutsche Mittelständler dar.1 Durch die Schuldenkrise und die damit im Zusammenhang stehenden verschärften Eigenkapitalvorschriften für Banken (Basel III), die ab 2013 sukzessive in Kraft treten, ist der bisherige Umfang für die zukünftige Kreditverfügbarkeit fraglich.2 Bereits heute sind die Auswirkungen von Basel III spürbar: In selbiger Studie der Creditreform geben die Unternehmen an, dass sich die Kreditkonditionen in den vergangenen Monaten verschärft haben. Bei 86,6 % der Befragten verlangten die Banken mehr Sicherheiten und in 34,6 % der Fälle erhöhte sich das Zinsniveau (Mehrfachnennungen möglich). Doch das, was den etablierten Mittelstand vor zukünftige Herausforderungen stellt, ist für junge Gründer oft schier unmöglich. Zu Beginn einer Unternehmerkarriere mangelt es an verwertbaren Sicherheiten oder Garantien, die den möglichen Kreditausfall von Banken minimieren helfen. Junge Unternehmen verfügen zudem oft weder über eine langjährige Kredithistorie noch über ausreichend Eigenkapital. Diese fehlende Anfangsausstattung führt beim Start-up zu einem Dilemma: Die Bank lässt sich das Kreditausfallrisiko der Innovationsfinanzierung durch hohe Zinssätze vergüten. Diese hohen Zinssätze führen beim wenig liquiden Start-up zu hohen zukünftigen Zahlungsabflüssen, die wegen einer fehlenden Marktbasis (noch) nicht erwirtschaftet werden können. Kredite mit derart hoher Risikoklasse implizieren für die Bank hingegen die Pflicht zur Bildung adäquater Eigenkapitalpositionen gemäß Basel III. Die Bildung dieser Eigenkapitalposition bindet frei verfügbare Ressourcen und führt zu einer sinkenden Verfügbarkeit von Kapital für weitere Kredite. Das ist weder im Interesse der Bank noch der betroffenen Unternehmen. Die klassische Kreditfinanzierung ist für kapitalintensive risikoreiche Technologieprojekte im Gründungsumfeld einfach nicht darstellbar.

Finanzierungsoption Eigenkapital

Unsere Erfahrung aus neun Jahren Gründungs- und Finanzierungsberatung bei über 150 Projekten und Unternehmen hat eines klar gezeigt: Insbesondere Ausgründungen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen basieren auf innovativen Geschäftskonzepten und zukunftsweisenden Technologien – das fehlende Eigenkapital stellt jedoch eine kaum überwindbare Hürde bei der Umsetzung der Geschäftsideen dar.
Eigenkapital in Form von Beteiligungskapital kann für Gründer eine Erfolg versprechende Alternative – oft die einzige Alternative – bei der Kapitalbeschaffung darstellen. Business Angels, Venture-Capital-Gesellschaften (kurz: VC-Gesellschaften) oder strategische Investoren offerieren Kapital gegen den Erwerb von Unternehmensanteilen, werden somit Anteilseigner am jungen Unternehmen. Business Angels engagieren sich
typischerweise in einer sehr frühen (Seed-)Phase und stellen neben finanzieller Unterstützung vor allem Know-how, Erfahrung und Kontakte bereit. VC-Gesellschaften und strategische Investoren treten in der späteren Start-up-Phase in Erscheinung. VC-Gesellschaften fokussieren auf zeitlich befristete Anlageho-rizonte (etwa fünf bis sieben Jahre), sind also darauf angewiesen, nach einer vereinbarten Frist die Beteiligung wieder zu verkaufen. Neben der monetären Unterstützung verfügen VC-Gesellschaften über ein exzellentes Netzwerk an Geschäftskontakten, auf welches die jungen Unternehmer zurückgreifen können.3 Demgegenüber liegt das Augenmerk strategischer Investoren auf dem Zukauf von innovativen Ideen, Produkten oder Dienstleistungen innerhalb einer bestehenden Wertschöpfungskette. Beim strategischen Investor handelt es sich zumeist um ein Industrieunternehmen oder eine Unternehmensgruppe. Sein Ziel ist es, ein bestehendes Produktportfolio durch den Zukauf zu erweitern und Marktanteile zu sichern bzw. zu vergrößern (strategisches Wachstum). Hier ist der Zeithorizont auf Langfristigkeit ausgelegt und übersteigt die fünf- bis siebenjährige Anlagespanne eines klassischen VC-Finanziers. Ein Konsortium verschiedener VC-Gesellschaften und Business Angels ist nicht unüblich und verteilt das immanente Entwicklungs- und Marktrisiko. Es ist in den meisten Fällen sinnvoll, den gesamten Kapitalbedarf über vereinbarte Meilensteine zu verteilen – dies ermöglicht eine messbare Erfolgskontrolle und macht den Einstieg für zusätzliche Beteiligungskapitalgeber attraktiv. Der Zeitumfang des Beteiligungsprozesses beträgt von der ersten Kontaktaufnahme bis zum finalen Vertragsabschluss in der Regel zwischen zwei und sechs Monaten und variiert je nach Projektstand. Die folgende Abbildung enthält eine „Übersicht über den Beteiligungsprozess“ von der Kontaktaufnahme bis zum Vertragsabschluss.

Die Kontaktaufnahme zum Beteiligungskapitalgeber erfolgt über eine Anfrage des Start-ups in Form einer ein- bis zweiseitigen Projektzusammenfassung, die neben der Geschäftsidee auch den Kapitalbedarf beinhalten sollte. Bei positivem Votum des Beteiligungskapitalgebers wird das Start-up zum persönlichen Gespräch und zur Präsentation der Geschäftsidee eingeladen. Nach Klärung der grundsätzlichen Beteiligungsmodalitäten kann das junge Unternehmen nun den Businessplan inklusive der Finanzplanung (Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung, Liquiditätsplanung für die ersten fünf Jahre) einreichen. Mit Unterzeichnung der Absichtserklärung (Letter of Intent; kurz LOI) beginnt der Due-Diligence-Prozess: Dieser besteht aus einer detaillierten Prüfung der wirtschaftlichen, rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen durch den Beteiligungskapitalgeber und beträgt wegen des hohen Prüfungsumfangs durchschnittlich zwischen fünf bis zwölf Wochen. Für die Ausarbeitung des Beteiligungsvertrags und daran anschließende, detaillierte Verhandlungsgespräche sind weitere ein bis zwei Wochen einzuplanen.

Sonstige Finanzierungsoptionen

Eine weitere wichtige Finanzierungsquelle stellen öf-fentliche Fördermittel dar. Die EU stellt für Projekte in Deutschland in der aktuellen Förderperiode bis zum Jahr 2013 insgesamt Mittel in Höhe von etwa 25,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Deutschland kofinanziert dies mit Geldern des eigenen Haushalts (Bundes- und Länderhaushalte). Eindeutige Kriterien bestimmen, unter welchen Bedingungen ein Projekt förderfähig ist. Die Förderhöhe hängt von projektspezifischen Faktoren wie Firmengröße, geplantem Investitionsstandort oder Investitionssumme ab. Vereinfacht dargestellt, lassen sich die Förderinstrumente in zwei Gruppen unterteilen:
Fördermittel zur Reduktion direkter Investitionskos-ten (direkte Zuschüsse, zinsreduzierte Darlehen, öffentliche Ausfallbürgschaften) und
Fördermittel zur Reduktion operativer Kosten (F&E-Förderung).4

Bei der Inanspruchnahme von F&E-Förderprogrammen ist eine Marktnähe in der Regel (noch) nicht gegeben. Hier befinden sich die Projekte typischerweise im Forschungs- bzw. Entwicklungsstadium. Als prominente Beispiele sind hier die F&E-Richtlinie des Landes Sach-sen-Anhalt zur Gewährung bedingt rückzahlbarer F&E-Zuschüsse, aber auch das Innovationsdarlehen der Investitionsbank Sachsen-Anhalt zu nennen. Fördermittel zur Reduktion direkter Investitionskosten sind für junge Unternehmen mit gewisser Marktnähe attraktiv – ganz konkret: Es müssen in absehbarer Zeit Umsätze generiert werden. Zu dieser Kategorie zählen beispielsweise bedingt rückzahlbare Zuschüsse aus der Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur (GRW), KfW-Förderkredite oder Landesbürgschaften der Bürgschaftsbank Sachsen-Anhalt GmbH. Im Rahmen einer vorgelagerten Projektprüfung ist sicherzustellen, dass der Eigenanteil der Kosten, der nicht über Fördermittel abgedeckt wird, mindestens 20 % umfasst. Auch daraus ergibt sich quasi die Notwendigkeit der Stärkung der Eigenkapitalbasis im Finanzierungsprozess.

Zusammenfassung

Technologieorientierte Gründungsprojekte und innova-tive Wachstumsunternehmen konfrontieren Kapitalgeber oft mit hohen Entwicklungs- und Marktrisiken bei gleichzeitig nahezu fehlender Eigenkapitalbasis. Die Umsetzung einer Innovation muss demzufolge unter Unsicherheit als Rahmenbedingung mitfinanziert werden. Dieses Risiko sind Fremdkapitalgeber überwiegend nicht allein zu tragen bereit. Es bedarf vielmehr des meist konsortialen Einwerbens von Eigenkapital bei Business Angels, VC-Gesellschaften oder strategischen Investoren gegen Abgabe von Unternehmensanteilen. Zusätzlich sind Know-how, Erfahrungswerte und ein breites Netzwerk für Gründer bzw. Wachstumsunternehmen nutzbar. Als weitere Finanzierungsquelle eignen sich öffentliche Fördermittel, die sowohl eine Reduktion der direkten Investitionskosten als auch der operativen Kosten bewirken. Die Kombination verschiedener Finanzierungsinstrumente reduziert das ursprüngliche Gesamtrisiko. Die Abbildung „Finanzierungsinstrumente im Lebenszyklus eines Unternehmens“ veranschaulicht das Zusammenspiel der unterschiedlichen Finanzierungsmöglichkeiten in den verschiedenen Unternehmensphasen im Zeitablauf. Die ideale Innovationsfinanzierung bei technologieorientierten Gründern und jungen Wachstumsunternehmen liegt also immer in einem Mix verschiedener Instrumente. Dieser Mix ändert sich im Zeitablauf und ist fortlaufend auf die jeweiligen Bedürfnisse hin zu überprüfen und anzupassen.

Fußnoten

1 Vgl. Verband der Vereine Creditreform e. V., Wirtschaftslage und Finanzierung im Mittelstand, Frühjahr 2012, S. 30.
2 Vgl. Commerzbank AG, Kapitalmarktorientierung und Finanzierung mit-telständischer Unternehmen, 2011, S. 11.
3 Vgl. Grummer/Brorhilker, Phasengerechte Finanzierung: Teil drei, Die Start-up-Phase – Das Unternehmen auf Erfolgskurs bringen!, online erhältlich
4 Vgl. Germany Trade & Invest, Förderung im Überblick, online erhältlich

Weiterführende Informationen und Links zum Thema:

Informationen zu den Autoren

Dr. Ulf-Marten Schmieder und Anne Baschus sind für die Univations-GmbH, Institut für Wissens- und Technologietransfer, tätig, die einen ganzheitlichen Ansatz der Innovations- und Gründungsförderung verfolgt. Die Univations GmbH ist Träger des vom Ministerium für Wissenschaft und Wirtschaft des Landes Sachsen-Anhalt mit Mittel des ESF geförderten Investforums Sachsen-Anhalt. Durch die Zusammenarbeit mit regional sowie überregional agierenden Netzwerken und Partnern werden Gründer und junge Wachstumsunternehmen zielgenau und unabhängig beraten und erhalten Unter-stützung bei der Umsetzung ihrer Geschäftskonzepte.

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