Artikel erschienen am 16.05.2018
E-Paper

Story: Transformation durch Kryptowährungen?

Blockchain und die mögliche neue dezentrale Wirtschaftsordnung

Von Ricardo Ferrer Rivero, Hannover | Ingo Stoll, Hannover

Ein Gespräch zwischen Ricardo Ferrer Rivero und Ingo Stoll über die Folgen von Bitcoin, Ethereum und anderen sogenannten Kryptowährungen für die Wirtschaftsordnung, sowie den allgemeinen Trend der Dezentralisierung, der nun auch die Finanzsysteme erreicht hat und dadurch mit staatlichen Verantwortungsbereichen konkurriert.

Stoll: Was muss man sich unter einer Krypto­währung vorstellen?

Ferrer Rivero: Auf der Oberfläche ist es digi­tales Geld, wie es bereits seit Jahren existiert. Unter der Oberfläche gibt es allerdings bedeutende Unterschiede. Man hat es bei Kryptowährungen durch den Einsatz von Verschlüsselungsmechanismen geschafft, sie dezentral zu organisieren. Es muss also keine alleinige Firma oder zentrale Institution mehr dahinterstecken. Die Auswirkungen dessen beginnen gerade erst und viele neue Geschäftsmodelle sind denkbar, die unabhängig von zentralen Strukturen funktionieren.

Stoll: Wie muss man sich das vorstellen, wenn keine zentralen Institutionen zur Geldausgabe und -steuerung mehr notwendig sind, wie beispielsweise Zentralbanken?

Ferrer Rivero: Bei Kryptowährungen werden sogenannte Tokens erzeugt. Sie sind quasi die Einheiten der jeweiligen digitalen Währung. Am besten stellt man sich das wie digitale Münzen vor. Die Tokens selber besitzen keinen Wert an sich. Diesen bekommen sie durch eine natürliche Limitierung in der Anzahl und dadurch, dass sie durch aufwendige Ver­schlüsselung nicht kopierbar sind. Die Ausga­be dieser Tokens erfolgt durch viele, verteilte Rechner. Die Verteilung der Kontrolle auf alle Teilnehmer des dezentralen Systems ist ein sehr mächtiges Instrument, weil es das Problem des Vertrauens unter fremden Teilnehmern durch das Protokoll ersetzt – und somit Vertrauen ins System schafft.

Stoll: Vertrauen ist die essenzielle Grundlage jeder Währung – egal, ob physisch oder digital. Schwindet das Vertrauen, wird das gesamte System in Frage gestellt. Wie also genau entsteht Vertrauen in eine Kryptowährung?

Ferrer Rivero: Es ist leider sehr technisch und komplex. Heute basieren viele Währungen nicht mehr auf dem Goldstandard, sondern auf der Kraft der eigenen Wertschöpfung und Wirtschaft – gemessen typischerweise in Kennzahlen wie dem Bruttoinlandsprodukt oder Arbeitsmarktzahlen. Bei Kryptowährungen gibt es heute nur eine geringe Verbreitung. Das Vertrauen im Alltag ist noch nicht da, weil viele Menschen die technischen Grundlagen von Verschlüsselung und Dezentralisierung nicht verstehen. Außerdem ist der Wert vieler Kryptowährungen sehr volatil. Das wiederum sorgt für weitere Verunsicherung.

Stoll: Ist es denn möglich, dass Krypto­währungen gehackt werden können?

Ferrer Rivero: Ja, das ist jederzeit möglich, denn diese Technologie ist noch sehr neu. Wir er­leben gerade eine sehr extreme Zeit für Kryptowährungen. Einerseits könnten sie alles verändern und ein Bitcoin könnte in Zukunft den Wert von einer Million Euro erreichen. Andererseits könnte der Wert auch komplett auf Null fallen. Wir bewegen uns in diesem Spannungsverhältnis und es ist unklar, wie dieses Spiel ausgehen wird.

Stoll: Welche Rolle spielt die Blockchain-Technologie für die Sicherung von Krypto­währungen und das Vertrauen von Nutzern?

Ferrer Rivero: Die Blockchain muss man sich vorstellen wie die Datenbank einer Krypto­währung. Die bekannteste von ihnen ist die Bitcoin-Blockchain. Im Gegensatz zu zentralen Systemen existiert kein sogenannter Single Point of Failure, d. h. es gibt kein zentrales Angriffsziel für Attacken. Banken, die heute mit digitalem Geld operieren, müssen sehr große Summen in die Sicherheitsinfrastruktur ihrer Server investieren. Die Sicherheitskonzepte wiederum basieren auf der Wahrung von Geheimnissen, wie insbesondere Zugangscodes. Sind diese Geheimnisse einmal ausspioniert, wird die gesamte Sicherheitsarchitektur kompro­mitiert. Dadurch, dass in jeder dieser Organisationen Menschen arbeiten, gibt es eine natürliche Gefahr der Unsicherheit. Im Fall von Kryptowährungen wird die Sicherheit durch das Prinzip von Transparenz gewährleistet. Die Protokolle sind öffentlich, sodass in der Gemeinschaft viele ständig an der Entdeckung und Korrektur von Fehlern und Schwächen arbeiten. Bitcoin beispielsweise existiert seit 2009 und ist zu einem heute sehr robusten System geworden.

Stoll: Was sind heute die bekanntesten Kryptowährungen außer Bitcoin?

Ferrer Rivero: Die Zweitbekannteste ist die Ethereum-Blockchain mit ihrer Digitalwährung Ether. Als drittes kommt Ripple. Hierbei wird zwar dezentrale Technologie genutzt, allerdings steckt hier tatsächlich ein Unternehmen dahinter, da sie eine Ablösung des veralteten und unwirtschaftlichen SWIFT-Systems anstrebten. Und dann kennen wir heute noch über 1 000 weitere Kryptowährungen.

Stoll: Vertraust Du den Kryptowährungen, die Du nutzt?

Ferrer Rivero: Ja, im Vergleich zu anderen Lösungen auf jeden Fall. Ein absolutes Vertrauen jedoch gibt es für mich nicht.

Stoll: Das heißt, Du hast auch kein absolutes Vertrauen in den Euro?

Ferrer Rivero: Nein. Mein Vertrauen in den Euro ist auf jeden Fall geringer als mein Vertrauen in Kryptowährungen.

Stoll: Wo sind denn Kryptowährungen heute schon im Einsatz?

Ferrer Rivero: In den letzten Jahren haben sich Kryptowährungen vor allem als Spekulationsobjekte entwickelt. Im Grunde gibt es noch keine praktischen Geschäftsmodelle, aber es wird viel ausprobiert. In Hannover beispielsweise haben wir bereits vor einigen Jahren im Start-up PEY (www.pey.de) angefangen, zu schauen, wie funktioniert das und wie können wir mobile Bezahlsysteme mit Kryptowährungen schaffen. Das war sehr spannend, aber letzten Endes war es für die meisten Menschen zu kompliziert, diese Anwendung wirklich zu verstehen. Wir waren sicher sehr naiv.

Stoll: Was bedeutet das für die Zukunft von PEY?

Ferrer Rivero: Wir konzentrieren uns mittlerweile auf das Zukunftsfeld der Krypto­ökonomie. Im Kern hat es viel mit Belohnungssystemen, Communities und dezentralen Wirtschaftssystemen zu tun.

Stoll: Welche Transformationsentwicklungen kannst Du als Unternehmer heute schon beobachten?

Ferrer Rivero: Schaut man sich an, was die Digitalisierung bereits bewirkt hat, dann sieht man, dass immer mehr Grenzen erodieren und verschwinden. Die Grenzen zwischen Nationen werden in ihrer faktischen Bedeutung durch die Globalisierung aufgehoben. Aber es betrifft auch die Grenzen zwischen Unternehmen oder zwischen Unternehmen und Mitarbeitern. Wir sitzen hier im Co-Workingspace Hafven und können es sehr deutlich spüren. Es ist quasi ein dezentrales Unternehmen mit 1 000 Mitarbeitern, die gleichzeitig Kunden sind. Manchmal bedienen sie sich am System und manchmal bilden sie kleine Organi­sationen und bieten Produkte am Markt an. Die klassische Organisation mit Organigramm, einem Chef und Mitarbeitern, die von ihm für ihre Arbeit bezahlt werden, verschwindet immer mehr. Die gleichen Tendenzen sind auch in digitalen Geschäftsmodellen, wie Airbnb oder uber, zu beobachten. Diese Unternehmen haben keine Mitarbeiter im klassischen Sinne mehr, die die Wertschöpfung erzeugen. Es ist vielmehr eine Art Community, die diese Prozesse bedient. Und genau diese Modelle können durch Kryptowährungen noch viel stärker bedient und damit nach vorne gebracht werden.

Stoll: Würdest Du sagen, dass der Dezentralisierungsprozess der eigentliche Treiber der Digitalisierung ist?

Ferrer Rivero: Wenn man sich Internettechnologien anschaut, dann haben sie viel mit Dezentralisierung zu tun. Blockchain und Kryptowährungen sind quasi die neuesten Werkzeuge, um diese Entwicklung weiter zu forcieren. Die anderen Werkzeuge und Pro­tokolle stützen heute noch das Internet und sie werden auch weiterhin genutzt werden.

Stoll: Wie beurteilst Du vor diesem Hintergrund die Entwicklungen von Facebook, Amazon, Google und Co.?

Ferrer Rivero: In den vergangenen zehn Jahren haben wir eine Tendenz zu einer starken Zentralisierung beobachtet. Die großen digitalen Player dominieren heute viele Bereiche. Ich sehe das als eine gute Vorbereitung für andere Wirtschaftsmodelle, die ich in der Zukunft sehe. Zum einen sehe ich diese Konzentration von Macht kritisch und immer mehr Menschen spüren eine steigende Skepsis.

Stoll: Wie beurteilst Du die aktuelle Diskussion rund um das neuen Datenschutzgesetz?

Ferrer Rivero: Ich bin nicht grundsätzlich gegen den Datenschutz, nur sind die neuen europäischen Datenschutzgesetze nur darauf fokussiert, zentrale Strukturen zu regulieren. Meiner Meinung nach greifen diese Konzepte zu kurz gedacht. Wir erzeugen auch durch Blockchain-Technologie potenzielle neue Gefahren, weil man Einheiten und Organi­sationen erzeugt, die unkontrollierbar sind. Wenn so eine Software in die Welt gesetzt wird, ist sie nicht mehr zu stoppen. Und man hat keinen Facebook-Chef, den man darauf verpflichten kann, sich an neue Gesetze zu halten. Die Lösung kann nur darin liegen, dass Datenschutzaspekte genau wie Sicherheitsmerk­male direkt im Design dieser Systeme integriert werden. Die Schwachpunkte müssen mit Transparenz und Offenheit bekämpft werden – nicht mit weiterer Regulierung von anderen zentralen Stellen.

Stoll: Was sind dann die zukünftigen Aufgaben von Regierungen und Institutionen in dezentralen Systemen?

Ferrer Rivero: Es geht am Ende immer um Daten. Diese sind zur zentralen Ressource geworden und ich glaube, dass sie in Zukunft noch wichtiger werden. Das Problem, das wir heute haben, ist, dass unsere Daten von Unternehmen gespeichert und verwaltet werden. Eigentlich aber gehören diese Daten uns, den Menschen, die sie erzeugen. Wir haben aber in der Regel nicht die Macht und die Werk­zeuge, die Daten selber zu verwalten. Ich möchte meine ganzen erzeugten Daten nicht auf einer Festplatte oder meinem Handy mit mir herumschleppen und mich darum kümmern. Ich glaube, genau das ist die Aufgabe von Regierungen und Institutionen, uns allen in Zukunft die passenden Werkzeuge zu geben – genau- so, wie wir von einer Nation einen Pass erhal­ten.

Stoll: Kann dann das sichere Verwalten von Daten ein Zukunftsmodell von Banken sein, wenn es sie denn überhaupt noch braucht?

Ferrer Rivero: Banken müssen Softwaredienstleister werden, weil die Aufgabe von Geldaufbewahrung und Transaktion bereits heute von Technologie übernommen werden kann. Und am Ende ist es dann die Frage, ob ich einer Bank als Nutzer mehr vertraue als beispielsweise Facebook – oder ob es in einer dezen­tralen Lösung überhaupt keine Bank mehr braucht. Noch sind wir von solchen Szenarien jedoch sehr weit entfernt.

Stoll: Kann man also sagen, dass Vertrauen quasi die Elementarwährung bleibt – egal, ob in Banken, physische Währungen oder neue, digitale und dezentrale Lösungen?

Ferrer Rivero: Ja, definitiv. Geld wird es weiterhin geben und damit die Notwendigkeit von Vertrauen.

Stoll: Was sollten Unternehmer und Verantwortliche in KMUs vor all dem Genannten heute tun, um zukunftssicher zu bleiben?

Ferrer Rivero: Ich denke, dass Unternehmer sich überhaupt mit diesen Technologien beschäftigen sollten. Es geht dabei nicht um einen konkreten strategischen Plan, sondern um das Herantasten und Experimentieren mit diesen neuen Werkzeugen. Das Verstehen kommt mit dem Ausprobieren – und nicht aus den Medien. Hier im Hafven und auch in meinen anderen Unternehmen gehen wir sehr spielerisch damit um und daraus entstehen dann Ideen für neue Geschäftsmodelle. Enercity hat in Hannover beispielsweise die Bitcoinzahlung für ihre Kunden eingeführt. In diesem Prozess wurden viele Teile des Unternehmens involviert, wie Buchhaltung, Controlling und Kundendienst. So entsteht gemeinsam ein breites Verständnis für diese Technologien, ihre Potenziale und Grenzen.

Stoll: Kann das jedes Unternehmen heute tun?

Ferrer Rivero: Ich würde heute Bitcoin nicht mehr als alleinige Kryptowährung einführen, aber ja, jedes Unternehmen im Mittelstand kann das tun.

Stoll: Was ist mit denen, die sagen „das ist mir alles zu technisch und komplex – ich will mich damit nicht beschäftigen“?

Ferrer Rivero: Wer heute als Unternehmen erfolgreich ist, hat gelernt, Informationen besser und besser zu verwalten. Wer noch viele Prozesse manuell macht, verliert Zeit und verärgert Kunden. Das ist die eigentliche Gefahr. Und diese Gefahr nimmt durch Kooperationen von Unternehmen mit neuen Anbietern weiter zu. Wer sich heute diesen Technologien verschließt, dem fehlt oftmals die notwendige Offenheit, Flexibilität und Wandlungsfähigkeit für die Zukunft.

Stoll: Was bedeutet diese Entwicklung für diejenigen, die heute von Beratung und Services im Steuer- und Finanzsystem leben?

Ferrer Rivero: Die Frage ist doch, wo in Zukunft überhaupt noch Lücken für mensch­liche Arbeit bestehen, die nicht durch Algo­rithmen und Software übernommen werden können. Gerade im Finanz- und Steuersystem gibt es viele Regeln, d.h. ein großes Potenzial für maschinelle Automatisierung. Diese Regeln können in der Blockchain über sogenannte Smart Contracts abgebildet und überwacht werden. Man könnte sich vorstellen, dass beim Bezahlen meines Cappuccinos die Umsatzsteuer gleich an das Finanzamt abgeführt wird. Dann müsste ich keine Umsatzsteuererklärung mehr machen. Und der Staat hat den Vorteil, dass er nicht mehr bis zu einem Monat auf die Umsatzsteuereinnahmen warten muss. Mal ganz abgesehen von den geringeren Einfallstoren für Fehlbuchungen, Strafzahlungen und Steuerbetrug.

Stoll: Was wird in zehn Jahren anders sein als heute?

Ferrer Rivero: Das weiß ich nicht, aber ich kann sagen, was ich mir wünsche – obwohl dafür zehn Jahre vermutlich zu wenig Zeit sind. Ich sehe eine weltweite Tendenz zu kleineren Communities, die komplexe Wertschöpfungsketten vereinfachen. Ich sehe Menschen, die in ökologischer Hinsicht versuchen, sich stärker selbst zu versorgen. Das komplexe digitale System, das wir heute aufgebaut haben, ist sehr fragil. Schon ein Hackerangriff auf ein Stadtwerk kann zu Chaos und exis­tenziellen Ängsten in einer ganzen Region führen. Es wird wichtiger, die Kontrolle wieder zu erlangen und autark zu sein. Ein Szenario sind smarte Städte, die eher wie Mikro-Nationen funktionieren. Es kommen viele verschiedene Trends zusammen, um nachhaltiger und zukunftsfähiger zu werden. In der Dezentralisierung wären diese Trends vereint.

Stoll: Das klingt nach Chancen für flexible, lokal eingebundene und zukunftsoffene Mittelständler, oder?

Ferrer Rivero: Ganz genau!

Stoll: Vielen Dank für Deine Zeit und unser Gespräch.

Ferrer Rivero: Sehr gerne.

Bild: Kevin Luck Photography

Ähnliche Artikel

Finanzen Steuern Recht

Erhöhtes Insolvenzrisiko bei konjunktureller Abkühlung

Wer die Handlungsoptionen kennt, kann sein Unternehmen trotz Insolvenz retten

Zollkonflikte und die Gefahr eines harten Brexits trüben das Geschäftsklima deutlich ein. Davon sind viele deutsche Unternehmen indirekt betroffen. Laut Creditreform waren im ersten Halbjahr 2019 nach vielen Jahren erstmals wieder zunehmende Insolvenzen bei Unternehmen mit Umsätzen zwischen 25 und 50 Mio. Euro zu beobachten.

Hannover 2019 | Hans G. Fritsche, Hannover

Finanzen Steuern Recht

Zins und Währung stets im Griff

Die Geld-, Kapital- und Devisenmärkte sind fortwährend in Bewegung und beeinflussen damit auch die Finanzsituation von Unternehmen in der Region. Mit einem intelligenten Zins- und Währungsmanagement lassen sich gleichermaßen Risiken begrenzen und Chancen nutzen. Wie, erklären Thorsten Wolff, Direktor und Leiter Unternehmenskunden, und Stephan Willhoff, Leiter Zins- und Währungsmanagement der Volksbank Paderborn-Höxter-Detmold.

Ostwestfalen/Lippe 2014 | Thorsten Wolff, Paderborn | Stephan Willhoff, Paderborn