Artikel erschienen am 19.07.2019
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Unternehmensübergaben erfordern rechtzeitige Planung

Erfahrene und speziell ausgebildete Experten begleiten den oft mehrjährigen Prozess

Von Iljana Raute, Hannover | Silke Reuß-Hennschen, Hannover

Loslassen und in neue Hände geben. Vielen fällt das aus guten Gründen schwer. Und dennoch ist es gerade in der mittelständischen Wirtschaft eine sehr wichtige und notwendige Aufgabe. Zwischen 2018 und 2022 stehen laut Institut für Mittelstandsforschung (IfM) 14 000 niedersächsische Familienunternehmen mit 228 000 Mitarbeitern zur Übergabe an. In Niedersachsen ist dieses Thema im Bundesländervergleich besonders virulent. Der Grund: Hier gibt es besonders viele mittelgroße Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 500 000 und 10 Mio. Euro. Und die betrifft das Thema Unternehmensnachfolge überdurchschnittlich oft.

Zur Übergabe anstehende Unternehmen nach Bundesländern 2018 bis 2022

Die wichtigste Ursache für die steigende Zahl notwendiger Nachfolgelösungen im Mittelstand: Der bevorstehende Abschied der Baby-Boomer aus dem aktiven Berufsleben. Das Durchschnittsalter deutscher Unternehmer liegt derzeit bei über 50 Jahren. Ein Drittel ist älter als 55 Jahre – Tendenz steigend. Eine geeignete Nachfolge für das unternehmerische Lebenswerk zu finden, wird jetzt für viele Unternehmer zum entscheidenden Thema. Firmenübernahmen und -verkäufe sowie Gesellschafter- und Eigentümerveränderungen nehmen daher stetig zu.

Mehrjähriger Vorlauf

Die Planung der Nachfolge sollte in jedem Unternehmen frühzeitig angegangen werden – unabhängig davon, ob das Unternehmen familienintern oder -extern übergeben wird. Dafür sprechen mehrere Gründe: Es hat sich einerseits gezeigt, dass ältere Unternehmer tendenziell weniger investieren. Laut Statistik ist von den über 55-jährigen Firmeninhabern hierzu nur noch jeder Zweite bereit. Und wenn investiert wird, dann vornehmlich in den Erhalt, kaum mehr in die Erweiterung oder Modernisierung des Unternehmens. Wichtige Investitionen – etwa in digitale Innovationen oder die internationale Expansion – bleiben häufig auf der Strecke. Infolgedessen kann die Unternehmensbewertung sinken, mit entsprechenden Auswirkungen auf den erzielbaren Verkaufspreis.

Andererseits wird es schlicht schwieriger, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Statistiken der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) belegen, dass die Zahl potenzieller Nachfolger heute rund ein Drittel kleiner ist als die Zahl der Unternehmer, die ihr Unternehmen weiterreichen möchten. Gleichzeitig verschieben sich bei der jüngeren Generation die Präferenzen mit Blick auf die eigene Karriere. Die Bereitschaft, das Unternehmen der Eltern weiterzuführen, hat nachgelassen. Häufig haben Tochter oder Sohn andere Pläne. Ein Angestelltenverhältnis oder auch eine eigene Unternehmensgründung werden oft vorgezogen. Auch deshalb sollte für eine Übergabe ein mehrjähriger Vorlauf eingeplant werden.

Netzwerk und Kontakte wichtig

Die Hausbank kann bei dieser schwierigen Thematik wirkungsvolle Hilfe leisten. Firmenkundenberater und speziell geschulte Nachfolgespezialisten entwickeln gemeinsam mit dem Senior-Unternehmer und seinem Nachfolger eine erfolgreiche Strategie für die Übergabe. Dabei ist das Wissen einer Bank um die jeweilige Finanz­situation im Unternehmen, über die ökonomischen und finanziellen Rahmenbedingungen sowie die Expertise im entsprechenden Branchenumfeld ein Erfolgsfaktor bei der Umsetzung von Übergabe- oder Nachfolgeregelungen. Die begleitende Bank kann auch zwischen den beteiligten Partnern – beginnend bei Steuerberatern, Rechtsanwälten bis hin zu weiteren Banken und potenziellen Investoren – vermitteln. Das Netzwerk der Bank kann auch dann hilfreich sein, wenn innerhalb der Familie kein geeigneter Kandidat für die Nachfolge in Sichtweite ist.

Bei einem Verkauf hilft die Bank zudem, anhand verschiedener Berechnungsmodelle einen realistischen Kaufpreis zu ermitteln. Ein Thema, das besonders emotionsbeladen ist: Denn bei einem Verkauf wird der Wert des Lebenswerks auf Heller und Pfennig realisiert. Versäumnisse in der Vergangenheit können so schmerzhaft deutlich werden. Viele Unternehmer sind dabei heute offener für den Verkauf des Unternehmens an Investoren oder Wettbewerber. Aber: Familienunternehmer sind typischerweise stark in der Region verankert und fühlen sich gegenüber dem sozialen Umfeld und der Belegschaft verpflichtet. Entsprechend ist der Preis zwar wichtig. Noch entscheidender ist jedoch oft, dass sich ein Unternehmen positiv weiterentwickelt.

Hoher Finanzierungsbedarf

Nachfolgelösungen werden in allen Branchen und bei sämtlichen Unternehmensgrößen benötigt. Die in­frage kommenden Übertragungswege und Gesellschafterveränderungen sind dabei im Wesentlichen unabhängig von der Unternehmensgröße. Der Beratungs- und Finanzierungsbedarf durch die Bank wird jedoch maßgeblich durch den gewählten Weg der Firmenübergabe bestimmt. Diese kann sowohl innerhalb der Familie, durch den Verkauf des Unternehmens an Mitarbeiter oder durch die Übernahme durch ein anderes Unternehmen oder Investoren erfolgen. Oft stoßen Übergaben innerhalb der Familie bei größeren Unternehmen an Finanzierungsgrenzen.

Dann sind – ebenso wie bei der Übernahme durch Dritte – externe Mittel erforderlich. Oft ist es sinnvoll, Förderinstitute und Bürgschaftsbanken mit in die Finanzierung einzubinden. Beispielsweise stehen von der KfW sowie den Förderinstituten der Länder attraktive Förderprogramme bereit. Fördermittelexperten der Hausbank prüfen jede Übernahmefinanzierung darauf, ob Förderkredite mit den jeweiligen Konditions- und Zuschussvorteilen eingesetzt werden können. Aus den verschiedenen Programmen stellen sie eine auf das jeweilige Unternehmen zugeschnittene Förderstruktur zusammen.

Rolle der Bank bei der Entwicklung von Nachfolgelösungen

Breites Finanzierungsspektrum

Insbesondere bei größeren Mittelständlern werden zudem gemeinsam mit der Bank komplexere Akquisitionsfinanzierungen wie bspw. Management-Buy-out- oder Buy-in-Lösungen entwickelt. Gängig ist hierbei eine Kombination aus Eigenmitteln des Nachfolgers, Darlehen des bisherigen Unternehmers (Verkäuferdarlehen) und einer Bankfinanzierung inklusive Förderkrediten. Auch anspruchsvolle strukturierte Finanzierungslösungen auf Käuferseite oder Financial Sponsor Solutions, z.B. über private Eigenkapitalgeber, kommen zum Tragen. Entsprechend wichtig ist es, dass die begleitende Bank ein breites Spektrum an Finanzierungslösungen bereitstellt und über sehr fundiertes Know-how verfügt.

Wurde ein Unternehmen erfolgreich übergeben oder verkauft, stellt sich für die abgebende Partei auch die Frage nach der Mittelverwendung aus etwaigen Verkaufserlösen und somit einer passenden Investitionsstrategie. Immer häufiger möchten Unter­nehmer mit ihrem Privatvermögen auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen – z. B. durch die Gründung einer Stiftung. Auch hier kann eine versierte Bank dem Unternehmer beratend zur Seite zu stehen.

In jedem Fall sollten Unternehmer sich frühzeitig mit dem Thema Nachfolge befassen. Nur die gelungene Stabsübergabe gewährleistet, dass einer erfolgreichen Unternehmensgeschichte neue Kapitel hinzugefügt werden können.

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