Artikel erschienen am 15.02.2023
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ESG-Kriterien: Beurteilung der Relevanz für das Geschäftsmodell und Bedeutung für die Restrukturierungspraxis

Von Christian Kunz, Stuttgart | Theo-Philo Rempel, Stuttgart

ESG beleuchtet die Nachhaltigkeit des Wirtschaftens von Unternehmen und hat zukünftig einen entscheidenden Einfluss, nicht nur bei der Bonitätsbewertung und Kreditkonditionen, sondern im Umkehrschluss bereits idealerweise auf die Ausrichtung des Geschäftsmodells. Mithilfe von ESG und den bewertenden Kriterien soll die „Enkelfähigkeit“ von Organisationen transparent gemacht werden. Ziel ist es, die heutigen Bedürfnisse zu befriedigen, ohne diese Möglichkeit zukünftigen Generationen zu verwehren.

Zunehmende Relevanz von ESG für Unternehmen

Das Management von Unternehmen sieht sich nicht nur aufgrund der Forderungen der finanzierenden Banken zur Einhaltung von ESG-Kriterien konfrontiert. Neben den klassischen Stakeholdern im Unternehmen (Kapitalgeber, Arbeitnehmer, Kunden und Lieferanten) rückt ESG und das Bewusstsein dafür stark in den allgemeinen gesellschaftlichen Fokus. Kundenkaufentscheidungen, Image und damit Märkte reagieren zunehmend sensibel auf die Geschäftsmodelle von Unternehmen. Dem trägt die Politik Rechnung und untermauert den gesellschaftlichen Willensbildungsprozess mit der Änderung gesetzlicher Grundlagen. So werden mit der Einführung der CSRD die Regularien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung verschärft. Zukünftig werden deutlich mehr Unternehmen über ESG-Themen extern berichten müssen. Außerdem erhöhen sich Umfang und Standardisierung der Nachhaltigkeitsberichterstattung, die im Lagebericht integriert werden muss und einer verschärften Prüfpflicht unterzogen wird.

Nachhaltigkeit oder Gewinn?

Ist das Streben nach einer Maximierung der Unternehmensgewinne und eine ESG-konforme Unternehmensführung komplementär oder sind beide Ziele vereinbar? Eine reine Nachhaltigkeitsberichtserstattung ohne nennenswerte Auswirkung bzw. Anpassung des Geschäftsmodells hat keinen wirkungsvollen positiven Effekt auf die Unternehmensergebnisse. Lediglich die Ausrichtung des Geschäftsmodells an ESG-Kriterien hat einen direkten Einfluss auf die finanzielle Performance von Unternehmen. So rechnet sich bspw. die Ausrichtung des Produktportfolios auf ESG-konforme gesellschaftliche Megatrends, da margenstarke Wachstumsmärkte dahinterstehen. Auch eine Produktion „local-for-local“ bedeutet nicht nur Versorgungssicherheit, sondern verkürzt Lieferwege, Emissionen und trägt insgesamt zur Risikodiversifikation bei. Grüne Schuldscheindarlehen stärken nicht nur die Passivseite, sondern erleichtern und verbessern perspektivisch den Zugang zu den Finanzmärkten. Nicht zuletzt steigert eine Ausrichtung an ESG-Kriterien die Attraktivität als Arbeitgeber.

Was ist für eine nachhaltige Ausrichtung des Geschäftsmodells erforderlich?

Um eine konsequente Ausrichtung des Geschäftsmodells anhand von ESG-Kriterien zu erreichen, ist es sinnvoll, das Transformationsmodell in drei Ebenen zu unterteilen.

Die strategische Ebene vermittelt anhand von Vision und Werten das gelebte Führungsverständnis sowie die Ziele und Ausrichtung des Unternehmens und etabliert dadurch den ESG-Gedanken als strategisches Ziel. Die strukturelle Ebene passt die Ablauf- und Aufbaustrukturen an dieses Unternehmensziel konsequent an und stellt sicher, dass die Organisation, Prozesse, Produkte, Kompetenzen und Wertschöpfungsstufen die Unternehmensziele konsequent umsetzen. Die kulturelle Ebene sensibilisiert durch das Verhalten und die gelebte Kultur der Mitarbeiter und Vorgesetzten die Grundsätze der ESG-Kriterien und setzt diese erfolgreich in die Praxis um. Nur durch eine konsistente Umsetzung über alle drei Ebenen lässt sich eine erfolgreiche Verankerung und Umsetzung des ESG-Ansatzes im Unternehmen sowie entlang der Wertschöpfungskette bewerkstelligen.

Status quo von Krisenunternehmen

These: Unternehmen mit Restrukturierungsbedarf agieren häufig nicht nachhaltig!

Die Ausrichtung an Nachhaltigkeitskriterien ist deutlich komplexer als sich dies viele Unternehmen (insb. in Krisensituationen) vorstellen. Ferner erfordert die Umsetzung neben finanziellen Kapazitäten und der Infrastruktur auch Personal, Know-how, funktionierende Unternehmensprozesse sowie eine konsistente Unternehmensstrategie. Besonders in renditeschwachen Unternehmen stellt die Neujustierung von Geschäftsmodellen eine enorme Herausforderung dar, da Ressourcen begrenzt und der Handlungsdruck hoch sind. Eine klare und offene Bestandsaufnahme, die Identifikation von Handlungsfeldern sowie eine realistische Bestimmung von Prioritäten legen die Grundlage, um einen sinnvollen Maßnahmenblock zu definieren. Dieser bestimmt nicht nur die Veränderungen zur Verbesserung der Ertragslage und Refinanzierbarkeit, sondern korrigiert die erforderlichen Versäumnisse in Sachen Nachhaltigkeit und schlägt sinnvoll die Brücke zwischen machbaren Handlungen und regulatorischen Rahmenbedingungen.

Nachhaltigkeit als Erfordernis für die Sanierungsfähigkeit des Unternehmens

ESG ist ein Faktor, der beim bankinternen Rating und Bonitätsqualifizierungen herangezogen wird und ist somit ein Indikator für die mittel- bis langfristige Refinanzierbarkeit von Unternehmen. Die Nichtbeachtung der ESG-Kriterien stellt unweigerlich ein Finanzierungshindernis dar und ist im Umkehrschluss ein relevantes Kriterium, nicht nur in der Abschlussprüfung durch den Wirtschaftsprüfer, sondern auch für die Fortführungsprognose im IDW S6-
Gutachten. Um die Sanierungsfähigkeit zu bescheinigen, ist eine nachhaltige Fortführungsfähigkeit erforderlich. Dies setzt zukünftig ein ESG-konformes Geschäftsmodell voraus.

Welche konkreten Maßnahmen zur Umsetzung bestehen?

Durch die Klassifizierung der möglichen Maßnahmen anhand der drei Ebenen (strategisch, strukturell, kulturell) und eine zeitliche Clusterung lassen sich Maßnahmen definieren, welche als Quick-Wins zuerst die Aufmerksamkeit verdienen und andere Maßnahmen, die aufgrund ihrer Wichtigkeit und großen generellen Auswirkung einen großen Einfluss auf die Einhaltung der wesentlichen ESG-Kriterien haben. Somit kann ein Maßnahmenkatalog erstellt werden, der auch bei Krisenunternehmen eine ESG-Konformität nach Ablauf des Sanierungszeitraumes sicherstellt.

Fazit und Ausblick

ESG ist durch den gesellschaftlichen Konnex und den formalen regulatorischen Erfordernissen fester Bestandteil von zukünftigen Restrukturierungskonzepten, erhöht allerdings dadurch für Unternehmen, Berater und finanzierende Banken als zusätzlicher Faktor die Komplexität des Sanierungsprozesses. Der Regelkreis von Umsetzung, Messbarkeit und Controlling der zuvor definierten Maßnahmen im Sanierungszeitraum ist bei ESG genauso anwendbar, wie bei den klassischen Sanierungsthemen aus dem Finanzbereich.

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