Artikel erschienen am 01.05.2012
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Orthopädische Rehabilitation nach endoprothetischem Ersatz von Hüfte und Knie

Von Dr. med. Helmut Tostmann, Bad Harzburg

Gelenkersatzoperationen von Hüft- und Kniegelenk gelten als zuverlässige und sichere Standardoperationen, die Patienten mit  Verschleißerkrankungen den Rückgewinn von Funktionsfähigkeit und Teilhabe ermöglichen. In Deutschland werden inzwischen jährlich ca. 200 000 Hüftgelenke und 150 000 Kniegelenke eingesetzt. Die nachfolgende  Anschlussheilbehandlung (AHB) oder Rehabilitation (Reha) ist weitgehend standardisiert.

Die Beeinträchtigungen der Aktivitäten nach operativem Kunstgelenkersatz der großen Gelenke betreffen ganz besonders die Mobilität. Verstärkend wirken die weiter zunehmende Lebens­erwartung (demo­grafischer Faktor), oft eine Vielzahl von Begleit­erkrankungen, z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Zucker­krankheit (Multi­morbidität), Kontext­faktoren (Nikotin, Alkohol, Übergewicht) und die heute allgemein übliche zeitige Entlassung aus dem Akutkrankenhaus.

So weisen viele Patienten zu Beginn der Rehabilitation noch erhebliche Defizite in ihren Aktivitäten auf, die im Rahmen einer stationären oder ambulanten Rehabilitationsleistung behoben werden müssen. In dem durch sozialgesetzliche Regelungen vorgesehenen Zeitraum von zumeist 18 – 21 Tagen muss viel geschehen, um eine große Wirksamkeit und auch Nachhaltigkeit zu erreichen.

Nach der Übernahme aus der operierenden Klinik formulieren Patient und Arzt partnerschaftlich gemeinsam die Reha-Ziele:

  • Reduktion oder Ausschaltung der bestehenden Ruhe-, Belastungs- und/oder Bewegungsschmerzen
  • Wiederherstellung oder Verbesserung der Funktion des betroffenen Hüft- und/oder Kniegelenkes
  • Wiederherstellung bzw. Verbesserung der Gesamtmobilität
  • Wiederherstellung bzw. der Erhalt der Eigenständigkeit bezüglich der ADL (activities of daily living = Aktivitäten des täglichen Lebens) und damit Vermeidung von Pflegebedürftigkeit („Reha vor Pflege“)
  • Verbesserung der körperlichen Belastbarkeit in Alltag und Beruf (Lebensqualität).

Rehabilitation ist immer therapiebestimmt. Die eventuell erforderliche Diagnostik in der Rehaklinik ist auf ein Mindestmaß reduziert, wie Röntgen, Ultraschall und Laboruntersuchungen.

Die Umsetzung eines individuellen und indikationsentsprechenden Therapieplanes für jeden Patienten ist ein Kernelement, dem besondere Bedeutung zukommt. Hierbei arbeiten alle Berufsgruppen als sogenanntes „Rehateam“ (Ärzte, Pflegepersonal, Therapeuten, Psychologe, Sozialarbeiterin etc.) ohne hierarchische Strukturen eng zusammen.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es in der orthopädischen Rehabilitation?

  • Medikamentöse Maßnahmen
    hierzu zählen – unabhängig von der vorbestehenden Medikation – vor allem die Thrombosevorbeugung und die Schmerztherapie.
  • Physikalische Therapie
    beinhaltet Maßnahmen, die durch physikalische Einwirkungen die Funktion des Körpers gezielt beeinflussen – wie Elektrotherapie, Ultraschall, Thermotherapie, Massagen und Lymphdränage.
  • Bewegungstherapeutische Maßnahmen
    dazu gehören u. a. Mobilisierung auf der Motorschiene (CPM), krankengymnastische Übungsbehandlung als Einzel- und Gruppenbehandlung, gerätegestützte Krankengymnastik oder Medizinische Trainingstherapie (MTT) und Gangschulung.
  • Balneotherapie
    Bewegungsbäder, einzeln oder in der Gruppe.
  • Ergotherapie und Hilfsmittelversorgung
    ADL-Training (Ankleiden, Körperhygiene, Nahrungsaufnahme), eventuell spezielles Funktionstraining mit wiederkehrenden Übungen einzelner Bewegungsabläufe, Versorgung mit Hilfsmitteln wie Gehhilfen, Greifzange, Strumpfanziehhilfe, Toilettensitzerhöhung etc.
  • Neuraltherapie
    z. B. Anwendung gezielter Infiltrationstechniken mit Medikamenten wie örtlichen Betäubungsmitteln.
  • Ernährungsberatung
    bei Begleiterkrankungen oder zur Normalisierung des Körpergewichtes.
  • Psychologische Mitbetreuung
    psychologische Einzelgespräche, progressive Muskelentspannung nach Jacobsen (PMR), Schmerzverarbeitungsprogramme oder Seminare.
  • Rehabilitationsberatung (Sozialdienst)
    sehr wichtig vor allem bei älteren, hilfebedürftigen Patienten zur Klärung der sozialen Situation und späteren häuslichen Versorgung, zu Fragen der Schwerbehinderung, Kontaktaufnahme zu Selbsthilfegruppen etc.

Die Rehabilitationsmedizin hat in den letzten 20 Jahren eine rasante Entwicklung erlebt. Körperliche Einschränkungen nach operativem Gelenkersatz können durch die oben genannten Therapiemaßnahmen oftmals beseitigt oder auf ein Mindestmaß reduziert werden, sodass der betroffene Patient ein großes Maß an Lebensqualität wiedererlangt.

Foto: Panthermedia/Wolfgang Cibura

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