Artikel erschienen am 10.05.2013
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Transplantationen

Weg von den Skandalen hin zur ernsthaften, kritischen und sensiblen Auseinandersetzung

Von Dr. med. Mohammad-Zoalfikar Hasan, Königslutter am Elm

Gerade jetzt, wo die medizinischen Fortschritte die Erfolgsquote von Organtransplantationen deutlich erhöhen, können die in der Presse bekannt gewordenen Skandale in einigen deutschen Transplantationszentren sehr schädlich sein. Auf jeden Fall sind sie aber sehr ärgerlich. Die Motivation der Akteure, die diese Skandale verursacht haben, ist unbedingt juristisch aufzuklären. Die Zahl der Wartenden wird immer größer und die Wartelisten werden immer länger. Aus diesem Grund ist das Thema auch so aktuell. Es duldet keine Missverständnisse und vor allem keinerlei Missbrauch.

Uns geht es an dieser Stelle jedoch in erster Linie darum, die Situation und die psychische Verfassung der Organempfänger zu beschreiben. Dabei werden vor allem normative, gesellschaftliche, psychologische und ethische Fragen aufgeworfen. Themen wie Chancengleichheit, Nutzen-Risiko-Abwägung, individuelle, kulturelle und religiöse Vorstellungen der Spender und Empfänger sollten hierbei berücksichtigt werden. Die Begleitung von Patienten vor und nach der Transplantation stellt für alle Behandler eine besondere Herausforderung dar: Viele Patienten befinden sich schon lange auf der Warteliste, sind nicht nur körperlich und psychisch extrem belastet, sondern auch widersprüchlichen Gefühlen ausgesetzt. Die Spannbreite reicht von Hoffnung bis Resignation, in dem Wissen, dass die Verlängerung des eigenen Lebens oftmals nur durch den Tod eines anderen Menschen möglich wird.

Das seit 1997 geltende Transplantationsgesetz fordert eine psychologische Mitbehandlung von Patienten. Schon lange ist bekannt, dass ein intaktes psychosoziales Umfeld, die psychische Stabilität und Stresstoleranz des Organempfängers sowie die Fähigkeit, das fremde Organ in das eigene Körperbild zu integrieren, den Verlauf nach einer Transplantation nachhaltig beeinflussen. Dennoch werden die psychischen Auswirkungen immer noch zu wenig berücksichtigt und bearbeitet. Im Vordergrund stehen zunächst die medizinisch-technischen Voraussetzungen und die Funktionstüchtigkeit des Organs unter immunsuppressiver Therapie. Diese lebenswichtigen Medikamente sollen eine Abstoßung verhindern, können aber ihrerseits wiederum negative Auswirkungen auf die körperliche und psychische Verfassung eines Organempfängers haben.

Was geht in einem Menschen vor, der ein fremdes Organ von einem verstorbenen Spender erhält? Einige Organempfänger betrachten das Spenderorgan zunächst ganz nüchtern als eine Art Ersatzteil, das ihnen das Überleben ermöglicht. Nach der Transplantation sind sie anfangs entlastet und vielleicht auch euphorisch. Der Genesungsprozess ist allerdings sehr langwierig und anstrengend. Die Patienten müssen oft umfangreich intensivmedizinisch betreut werden und sie müssen sich auf Einschränkungen ihrer Lebensqualität sowie auf Nebenwirkungen der notwendigen Medikamente einlassen.

Viele Organempfänger entwickeln im weiteren Verlauf Schuldgefühle gegenüber den verstorbenen Spendern, Ängste, ihre eigene Identität durch das fremde Organ zu verlieren, sich in ihrer Persönlichkeit zu verändern, bis hin zu der Vorstellung, dass sich das Organ durch Abstoßung „rächen“ könnte. Die vom Gesetzgeber vorgeschriebene Anonymhaltung der Spenderidentität scheint derartige Gefühle und Gedanken noch zu fördern. Es wird sogar von Patienten berichtet, die mutmaßliche Gewohnheiten des Spenders übernommen haben sollen, weil sie eine intensive innere Verbindung zum Spender entwickelten und sogar glaubten, dass der Spender in ihrem Körper weiterlebt. Theorien, dass das Transplantat Erinnerungen speichern oder die Persönlichkeit bzw. Identität verändern kann, sind wissenschaftlich hingegen in keiner Weise belegt.

Fazit

Trotzdem ist es sehr wichtig, auf alle Fragen und Befürchtungen der Patienten, seien sie auch noch so irrational, einzugehen. Bei vielen Betroffenen halten die anfangs überlebensnotwendigen Schutz- und Verdrängungsmechanismen nur kurzfristig an und die Bedrohung der körperlichen Integrität durch eine erfolgte Transplantation wird bald zum Thema. Umso erforderlicher ist es, insbesondere denjenigen Organempfängern, die sich in einer dauerhaft belastenden Situation befinden, eine adäquate psychiatrische und psychotherapeutische Begleitung anzubieten.

Insgesamt sind Organtransplantationen ein Segen für uns alle. Obwohl der Eindruck entstehen kann, dass ethische Betrachtungsweisen den ökonomischen und rein medizinisch-technischen Zielen weichen müssen, ist das Thema viel zu sensibel, um es im Zusammenhang mit Kosten und wirtschaftlichen Zwängen des Gesundheitssystems zu diskutieren.

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