Artikel erschienen am 20.05.2015
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Burn-out

Modewelle oder ernst zu nehmendes Problem?

Von Dr. med. Mohammad-Zoalfikar Hasan, Königslutter am Elm | Christiane Stein, Königslutter am Elm

Während man noch in den 1960er-Jahren und den folgenden Jahrzehnten den Begriff der Erschöpfungsdepression verwendete, gewinnt seit über zehn Jahren das Thema Burn-out zunehmend an Bedeutung und wird kontrovers diskutiert. Die einen sprechen von einer vorübergehenden Modewelle, die anderen von einem ernstzunehmenden Problem, welches vornehmlich die Arbeitswelt betrifft. Das öffentliche Interesse an der Auseinandersetzung mit psychosozialen Belastungen am Arbeitsplatz und daraus resultierenden Gesundheitsgefährdungen ist hierbei groß.

Studien beschreiben einen Zusammenhang von Arbeitsbelastungen und dem Risiko für psychische Beeinträchtigungen bis hin zu schwerwiegenden Störungen. Ebenso ließ sich belegen, dass Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen deutlich zugenommen haben. In der Presse werden Ursachen in der Globalisierung, Rationalisierung, in den kontinuierlichen Veränderungen in der Arbeitswelt (Arbeitsverdichtung, befristete Arbeitsverträge usw.), aber auch in der Entgrenzung von Arbeit und Freizeit (mangelnde Work-Life-Balance) gesehen. Zahlreiche Menschen verbinden mit Burn-out einen Begriff, der zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen beigetragen hat, da es vor allem die Leistungsträger („die Starken“) sind, die zusammenbrechen. Paradoxerweise kann dies jedoch wiederum zur Stigmatisierung von z. B. depressiv Erkrankten („die Schwachen“) führen, die sich zuvor nicht außergewöhnlich verausgabt haben und damit so gesehen kein Recht auf Krankheit haben.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) hat sich zu dem Thema positioniert und Burn-out als „Risikozustand für psychische und somatische (körperliche) Erkrankungen durch Ar-beitsüberlastung“ definiert. Dieser Zustand wird von einer psychischen Erkrankung, z. B. einer Depression, abgegrenzt, wobei sich die Übergänge fließend gestalten können. Auch in der ICD-10 (International Classification of Diseases, WHO) wird Burn-out nicht als Krankheit, sondern in einem Anhangskapitel als ein „Problem mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ beschrieben.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lässt sich also feststellen, dass heute etliche Phasenmodelle und zahlreiche Symptombeschreibungen bezüglich des Konstrukts Burn-out existieren, wobei bislang keine einheitlich akzeptierte Definition vorliegt. Folgend sollen jedoch zwei historisch bedeutsame Modelle exemplarisch genannt werden:

Ursprünglich wurde der Begriff von dem Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger (1974) geprägt. Selbst betroffen, beschrieb er „das Erschöpfen der eigenen körperlichen und seelischen Reserven“ und entwickelte einen aus zwölf Stadien bestehenden Burn-out-Zyklus. Dieser beginnt mit dem Zwang, sich zu beweisen, welchem subtile Vernachlässigung eigener Bedürfnisse, Verdrängung von Konflikten, Umdeutung von Werten, Rückzug und Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit folgen, bis schließlich die völlige Erschöpfung eintritt.

Die Sozialpsychologin Christina Maslach (1976) formulierte ein Syndrom aus emotionaler Erschöpfung, bei welcher sich der Betroffene schwach, kraftlos, müde, antriebsgemindert, gleichzeitig aber auch angespannt und leicht reizbar fühlt, aus Depersonalisation, die als Gleichgültigkeit, Zynismus und Frustration, mangelnde Empathie, rein sachlich-unpersönliche Arbeitsroutine und Distanz zur Arbeit zu verstehen ist, und aus Leistungseinschränkung, einer bestehenden Diskrepanz zwischen Anforderung und eigener Leistung, sodass trotz des hohen Einsatzes das Gefühl entsteht, nichts zu erreichen.

Trotz Uneinigkeit hinsichtlich einer allgemeingültigen Definition und Symptombeschreibung wird der Entstehung eines Burn-outs heute ein multifaktorielles Erklärungsmodell zugrunde gelegt, in welchem arbeitsplatzbezogene Bedingungen, biologische Risikokonstellationen und psychologische Bedingungsfaktoren beschrieben werden. Die arbeitsplatzbezogenen Bedingungen umfassen hierbei einen real unbewältigbaren Arbeitsanfall, mangelnde Anerkennung, Mangel an Kontrolle, fehlendes Gemeinschaftsgefühl, Veränderung und Neuanforderungen, eingeschränkter Tätigkeits- und Handlungsspielraum, Übermaß an Verantwortlichkeit, Rollenambiguität (nicht klar definierte Rolle), Mangel an Transparenz und fehlende Abgrenzung zum Privatleben. Angenommen werden auch biologischen Risikokonstellationen, d. h. genetische Veranlagungen, die bei Burn-outs denkbar wären, aber im Gegensatz zu Depressionen wissenschaftlich bisher nicht belegt sind. Zu den psychologischen Bedingungsfaktoren zählen individuelle Faktoren wie reduzierte Stresstoleranz, überhöhtes Anspruchsdenken, Perfektionismus, mangelnde Erholungsphasen, mangelnde Qualifikation und Selbstüberschätzung, die in ein dauerhaftes Überforderungserleben münden.

Bezüglich Diagnostik und Therapie des Burn-outs gilt zu berücksichtigen, dass jeder Mensch auf Stress unterschiedlich reagiert, so auch auf Stress am Arbeitsplatz. Abhängig vom persönlichen Erleben und von eigenen Bewältigungsmöglichkeiten kann eine erhöhte Wahrscheinlichkeit bestehen, einen Burn-out oder bei entsprechender Prädisposition eine andere psychische Erkrankung zu entwickeln. Zur differenzialdiagnostischen Abgrenzung von anderen psychischen Störungen, insbesondere einer Depression, aber auch möglichen körperlichen Erkrankungen, die mit Erschöpfung einhergehen können, ist die ausführliche Erhebung einer Anamnese und weitere umfangreiche Diagnostik erforderlich. Die Therapie des Burn-outs sollte sowohl personenbezogene als auch umwelt- bzw. arbeitsplatzbezogene Faktoren miteinbeziehen. Neben den bekannten „konventionellen“ psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten existieren inzwischen zahlreiche berufsbezogene Interventionen wie achtsamkeitsbasiertes Stressmanagement, berufsgruppenspezifische verhaltenstherapeutische Programme für z. B. Lehrer, arbeitsbezogene Gruppenprogramme bei psychiatrisch chronisch kranken Patienten und die interpersonelle Psychotherapie bei arbeitsstressbedingten depressiven Erkrankungen. Die genaue Erhebung und Analyse personenbezogener und arbeitsplatzbezogener Belastungsfaktoren ist erforderlich, um Hilfen, die über die rein psychiatrisch-psychotherapeutischen Interventionen hinausgehen, zu installieren. Dies ist oftmals sehr schwierig, denn die subjektive Wahrnehmung hinsichtlich der beschriebenen Probleme am Arbeitsplatz, die krankheitsbedingt eingeengt oder verzerrt sein kann, muss hierbei objektiviert werden können.

Nicht zu vergessen ist, dass auch der Arbeitgeber in der Verantwortung steht, im Rahmen des betrieblichen Arbeitsschutzes und Gesundheitsmanagements Hilfestellungen anzubieten. Anders als in einigen anderen EU-Staaten wurden aber in Deutschland bislang, obwohl im Arbeitsschutzgesetz verankert, keine verbindlichen Regelungen zum gesundheitsgefährdenden psychischen Stress getroffen, sodass bislang nur in einigen Betrieben eine Gefährdungsbeurteilung auf freiwilliger Basis erfolgt. Die Prävention und Therapie von Burn-outs ist also nicht allein eine medizinische Aufgabe, sondern bedarf einer engen Vernetzung von Betrieben, Krankenkassen, Rentenversicherung und Politik.

Foto: panthermedia/Roland Niederstrath

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