Artikel erschienen am 26.05.2015
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Orthopädieschuhtechnik

Zwischen Hilfsmittel und Mode

Von Georg Spies, Braunschweig

In der Orthopädietechnik und Orthopädieschuhtechnik gibt es kaum Hilfsmittel, die in der Herstellung neben der medizinischen Notwendigkeit, noch ein weiteres Merkmal erfüllen müssen. Bei den Maßschuhen ist es aber die Mode, die bei der Orthopädieschuhtechnik immer mehr Einzug hält, ähnlich wie es bei Optikern und Zahntechnikern der Fall ist. Wie diese beiden Berufsgruppen es verstehen, dem Patienten neben dem medizinischen Nutzen auch ein modisches Accessoire zu überreichen, so ist die Schuhorthopädie auf einem ähnlich erfolgreichen Wege.

Mit dieser Vorgehensweise wird die Akzeptanz der Patienten erhöht, ihr Hilfsmittel zu tragen und zu benutzen. Dies ist in der Orthopädieschuhtechnik auch seit Jahren der Fall. Jeder Patient kann sich die Farbe, die Gestaltung und die Materialien seiner individuell hergestellten Maßschuhe selbst aussuchen. Die Bauart und die Statik der Schuhe können nicht beeinflusst werden, weil sie ein unabdingbar wichtiger Bestandteil der Funktionsweise der orthopädischen Maßschuhe sind.

Ein orthopädischer Maßschuh entsteht

Wie entsteht ein orthopädischer Maßschuh? Diese Frage kann man in Arbeitsschritten darstellen, die aber nicht die Hingabe der Orthopädieschuhtechniker zeigt, die aus Leder, Kork, Polstermaterial, Stoffen und Sohlenmaterial kleine funktionstüchtige modische Hilfsmittel herstellen. Sie erhalten im Folgenden einen Einblick in die Arbeitsschritte dieses Handwerks.

Bevor überhaupt ein Kunde mit einem Maßschuh versorgt wird, muss die medizinische Notwendigkeit von einem Arzt festgestellt werden. Ist dieses geschehen, sucht der Patient entweder den Orthopädieschuhtechnikermeister auf oder dieser besucht ihn im Krankenhaus oder zu Hause. Bei diesem Besuch nimmt der Orthopädieschuhtechnikermeister die Maße des Fußes auf und macht ggf. einen Gipsabdruck. Des Weiteren werden der medizinische Grund der Versorgung und die Möglichkeiten der Maßschuhversorgung besprochen und erklärt.

Abb. 1: Füße vermessen

Anhand von Mustern und Versorgungsbeispielen kann sich der Patient die Farbe, die Gestaltung und die Materialen seines Maßschuhpaares aussuchen.

Nach diesem Besuch muss nun eine Genehmigung von der Krankenkasse eingeholt werden, bevor mit der Herstellung des Schuhs begonnen werden kann. Hier müssen alle notwendigen Eigenschaften des Schuhs beantragt werden, was immer nur nach der Begutachtung durch den Orthopädieschuhtechniker/-meister geschehen kann. Besondere Materialien oder Gestaltungen werden allerdings nicht von der Kasse übernommen und müssen vom Patienten selbst bezahlt werden.

Liegt die Genehmigung des Kostenträgers vor, wird mit der Herstellung des Leistens begonnen. Der Leisten ist ein hartes Material, meistens ist er aus Buchenholz oder Hartschaum, der die dreidimensionale Abbildung der zu versorgenden Füße des Kunden als Modell darstellt. Das harte Leistenmaterial verwendet man, um die unterschiedlichen Schichten von Materialen in Form bringen und fixieren zu können.

Abb 2: Leisten schleifen

Ist der Leisten hergestellt, wird als nächster Schritt die Fußbettung der Maßschuhe hergestellt. Eine Fußbettung besteht aus unterschiedlichen Polstermaterialien, die zusammen den Fuß des Kunden betten und den Druck gleichmäßig auf die gesamte Fußsohle verteilen sollen, um den größtmöglichen Tragekomfort zu gewährleisten. Um die Leisten sowie die Fußbettungen des Schuhpaares zu prüfen, wird ein Probeschuh hergestellt. Dieser ist aus durchsichtigem Plastik, was dem Fachmann ermöglicht, das Volumen und die Statik des Schuhes zu prüfen und ggf. Änderungen vorzunehmen.

Ist dieser Test des Probeschuhs erfolgreich gewesen, können die Maßschuhe in die Fertigung gehen. Dazu werden nach individuellem Kundenwunsch die Schuhoberteile – sog. Schäfte – gefertigt. Durch Farben, Muster, Lederarten und Gestaltungen der Innen- und Außenseite wird der Maßschuhe zu einem Unikat für jeden Kunden.

Abb. 3: Nähen

Die fertigen Schäfte werden dann über den Leisten gezogen und an der Brandsohle (welche sich unter der Fußbettung befindet) fixiert, in Form gebracht und verklebt. Auf die Brandsohle kommt dann eine Laufsohle, die auch in verschiedenen Farben und Profilen gewählt werden kann.

Abb. 4: Schaft auf Leisten ziehen

Das fertige orthopädische Maßschuhpaar kann nun anprobiert und an den Kunden ausgehändigt werden. Die Ziele, Beschwerdelinderung und größtmöglicher Tragekomfort, sind Eigenschaften, welche das neue Schuhpaar für den Kunden erfüllen sollen.

Abb. 5: Fertiges Schuhpaar

Nicht immer ist es ein orthopädischer Maßschuh, der zur Therapie eingesetzt wird, oft werden Schuhzurichtungen vom Orthopädieschuhtechniker an Konfektionsschuhen angebracht, die der orthopädischen Behandlung von Fußerkrankungen dienen.

Zu diesen Schuhzurichtungen zählen wir z. B. die Absatzerhöhungen, die eine Beinlängenverkürzung mit Aufbaumaterial ausgleichen oder spezielle Vorfußabrollsohlen, die dem Kunden ein schmerzfreies Auftreten und Abrollen im Gangablauf ermöglichen. Besonders hervorzuheben sind noch in der Orthopädieschuhtechnik die Diabetes-adaptierten Fußbettungen. Diese werden mithilfe der Sandwich­-Bauweise hergestellt, d. h., dass unterschiedliche Polstermaterialien übereinander geklebt werden, um den Druck über die Fußsohlen gleichmäßig zu verteilen. Patienten, die an Diabetes leiden, bekommen diese spezielle Fußbettungen, die aus 3 unterschiedlichen Materialien mit verschiedenen Härtegraden bestehen müssen, um Folgeschäden zu vermeiden und besten Tragekomfort zu gewährleisten.

War es vor einigen Jahren noch eine Urlaubslaune Flip-Flops zu tragen, können Sie heute mit dem individuellen Fußbett des Kunden und in etlichen Versionen hergestellt werden, genauso wie Sandalen. Damit müssen Kunden die Schuheinlagen tragen, nicht auf die Unterstützung eines Fußbettes für Ihre Füße verzichten, haben aber alle Vorzüge von offenen Schuhen.

Fazit

In der Orthopädieschuhtechnik ist es also möglich, auf die modischen Wünsche der Kunden so gut es geht, Einfluss zu nehmen, dass die Hilfsmittel mehr zu einem modischen Accessoire werden, als dass sie bloße Hilfsmittel bleiben.

Fotos: Panthermedia/Narongrit Dantragoon | Firma Thanner | Sanitätshaus Hoffmeister

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