Artikel erschienen am 28.05.2015
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Pflege im Wandel der Zeit – ein Überblick

Keine Angst vor dem „Alt“ werden

Von Jan Engelhardt, Braunschweig

Pflege – manchmal ist es schon fast ein Unwort heutzutage. Häufige Berichterstattungen in allen Medien, überwiegend mit negativen Erfahrungen und Ergebnissen. Doch ist es wirklich so? Welche Angebote gibt es und worauf sollte man achten – ein kurzer Überblick.

Der Beginn der heutigen Pflege­versicherung und des damit verbundenen Wandels der Pflege­land­schaft findet seinen Ursprung in den 1990er-Jahren. Die Einführung der Pflege­versicherung veränderte den Pflege­markt in Deutschland. Für die Anbieter boten sich nun neue Möglich­keiten, aber auch neue Standards hinsichtlich Hygiene, Begut­achtung, Finanzierung und anderer recht­licher Rahmen­bedin­gungen wurden eingeführt und auch behördlich geprüft. Neue Versor­gungs­formen wurden etabliert (z. B. private Pflege­dienste). Andere gab es schon länger (z. B. Tagespflegen), jedoch nicht „flächen­deckend“. Es kommt Bewegung in den Markt – nicht alles wird besser, neuer und auch von den Kunden angenommen. Nur negativ über die Veränderungen zu sprechen, würde vielem ungerecht werden.

In unserer Gesellschaft ist das Thema Pflege schon seit langer Zeit mit vielen Vorurteilen behaftet. Die Gründe hierfür resultieren oft auch aus persönlichen und negativen Erfahrungen. Spricht man heute mit Angehörigen, die z. B. in den 1980er-Jahren pflege­bedürftige Familien­mit­glieder in einem Pflegeheim hatten, bestehen die Erinnerungen oft aus einer hohen Quote von Mehr­bettzimmern, dem Eindruck einer Gemein­schafts­ein­richtung mit wenig persönlichen Ent­faltungs­möglichkeiten und einem „angestaubten“ Ambiente. Blicken wir nun auf die heutige oft genannte Pflege­land­schaft in unserer Region. Wichtig zu erklären ist, dass für viele Betroffene die Pflege­bedürftigkeit immer noch plötzlich eintritt. Betroffene sind jedoch nicht „nur“ diese Menschen selbst – auch alle Angehörigen sind mindestens genauso betroffen. Eine plötzliche Krankheit, ein Unfall, der Verlust des Partners usw. lösen eine Ketten­reaktion aus. Bisheriges wird unmöglich, die Einschränkungen verändern den Tages- und Nacht­ablauf grundlegend. Was tun, wen fragen, wo beginnen, sind nur die ersten Fragen auf einem langen Weg.

Es gibt kein Patentrezept – jeder Fall, jede Situation ist verschieden. Ich möchte Ihnen gern einige Erfahrungen aus meinen Unter­nehmen näher­bringen und Lösungs­möglich­keiten aufzeigen. Diese sind nicht als abschließend bzw. voll­ständig anzusehen.

1) Vorsorge

Im optimalen Fall betreibt jeder seine eigene Vorsorge. Wer vertritt mich in rechtlichen Angelegenheiten, wer übernimmt Amtsgänge und damit verbundene Handlungen. Schafft die/derjenige diese Aufgabe – sind allen meine Wünsche bekannt?

Stichworte: Vollmacht/Vorsorgevollmacht

2) Patientenverfügung

Fast jeder hat davon gehört – Veranstaltungen dazu sind gut besucht –, effektiv haben sie jedoch weit weniger als man denkt. Die Umsetzung ist weniger schwer als viele denken – ich muss mir aber selbst vorher darüber klar werden, was ich will und was nicht – dieser Punkt ist meist der schwierigste. Eine Patientenverfügung sollte auch regelmäßig überprüft werden. Passt der Inhalt zu meiner Lebenssituation und zum medizinischen Fortschritt.

Stichwort: Patientenverfügung

3) Versorgungsangebote selbst anschauen

Klingt meist banal, sollte auch nicht zu früh sein. Tritt jedoch der Fall ein, weiß ich/wissen meine Angehörigen, wo es hingehen sollte, was zu mir passen könnte. Stichworte: Infotage besuchen, in Braunschweig z. B. Tag der Senioren, Kontakt zu Anbietern aufnehmen, an Veranstaltungen teilnehmen.

Welche Versorgungsformen gibt es?

1) Ambulante Angebote

Hierzu zählen z. B. Wohngruppen/WGs, die durch einen Pflegedienst betreut werden. Ambulante Pflegedienste im Allgemeinen – das Angebot beinhaltet verschiedene Formen. So kann es die rein pflegerische/medizinische Betreuung zu Hause sein, aber auch Betreuungsangebote, Alltags­begleitungen, Begleitungen zu Ärzten, kulturellen Veran­staltungen etc. Ergänzt durch einen Menübringdienst, einen Haus­not­rufservice und Service­leistungen rund um den Haushalt vermitteln Sicherheit. Finden Sie hier einen Anbieter, der Ihnen auch die Vernetzung mit weiteren Thera­peuten (z. B. Physio­thera­pie, Ergo­therapie,…), aber auch weiteren Dienst­leistungen aus einer Hand anbieten kann, entlastet dies die Angehörigen und die/den Pflege­bedürftige/n, da es nur einen Ansprech­partner gibt, der alles koordiniert. Gerade in diesem Angebot liegt eine Chance für die Zukunft. Gepaart mit unserer wachsenden Technik­anbindung und Digitali­sierung werden Assistenz­systeme im Haushalt Einzug halten. Sinnvoll genutzt, helfen Sie uns weiter, ersetzen jedoch nie die persönliche Hingabe. Das Sicher­heits­empfinden wird gestärkt.

Das Angebot an Nach­bar­schafts­hilfen, Stadtteilbüros oder auch Bürger­vereinen nimmt zu – sie bieten sich als Informations­quelle bzw. Anlaufstelle gut an. In Braunschweig haben wir übrigens auch ein Seniorenbüro der Stadt. Hier gibt es gebündelte Informationen und Ansprechpartner. Die Pflegekassen selbst verfügen über ein breites Informationsangebot, auch in Kooperation mit verschiedenen Anbietern.

Im Bereich der ambulanten Versorgung kommt es immer wieder zu Neuerungen. Fragen Sie nach und informieren Sie sich regelmäßig.

2) Stationäre Versorgung

Hierzu zählt das klassische Alten- und Pflegeheim. In den letzten Jahren hat sich in diesem Bereich so viel verändert, leider ist die grundlegende Ablehnung in der Gesellschaft nach wie vor spürbar. Dies sollte Sie jedoch nicht davon abhalten, sich ein persönliches Bild zu machen. Das Betreu­ungs­angebot, die Qualität der Pflege und der anderen Bereiche haben sich sehr positiv entwickelt. Gerade hier ist es für Angehörige wichtig, das Ganze nicht nur aus der eigenen Perspektive zu betrachten. Jede Generation hat andere Vor­stellungen von einem Wohlfühlambiente und Betreu­ungs­angeboten.

Nicht neu, aber heutzutage viel präsenter sind Tagespflegen. Aufgrund von gesetzlichen Änderungen, gibt es nun mehr Anbieter auf dem Markt. Was ist eigentlich eine Tagespflege? Sie bietet den Pflegebedürftigen wie auch den Angehörigen einen geschützten Bereich. Meist zwischen 8.30 Uhr bis 17 Uhr (Mo. bis Fr.) geöffnet, mit Hol- und Bring-Service wird der Tag hier verbracht. Eine Tagesstruktur mit individuellen Abstimmungen, eine gemeinsame Einnahme der Verpflegung (z. B. zweites Frühstück, Mittagessen, Kaffeezeit,…), professionelle Begleitung und Betreuung sowie auch Gymnastik werden angeboten. Viele der Gäste verbringen nicht alle Wochentage in der Tagespflege. Sie wohnen und leben weiterhin in ihrer Häuslichkeit, verlieren aber nicht den sozialen Anschluss an die Gesellschaft. Für die Angehörigen bedeutet der Aufenthalt eine planbare Zeit für Erledigungen, aber auch für die eigene Gesundheit/ Seele sorgen zu können.

Optimal sind hier sicherlich Tagespflegeanbieter, die auch die häusliche Versorgung als Pflegedienst übernehmen und somit Versorgungszeiten intern abstimmen können.

Die Leistungen der Pflegeversicherungen haben sich mit Beginn des Jahres 2015 deutlich positiv für den Pflegebedürftigen entwickelt. So ist die Finanzierung der Tagespflege nochmals angehoben worden. Dieser Trend wird anhalten und viele weitere neue Angebote fördern.

Basierend auf unseren Erfahrungen im Bereich der ambulanten und stationären Pflege möchte ich Ihnen nahelegen, sich ein eigenes Bild zu machen. Checklisten im Internet, Prüfberichte, Bewertungen in Foren geben in diesem sehr sensiblen Bereich keine Sicher­heit, die richtige Wahl getroffen zu haben. Das oft erwähnte Bauchgefühl ist hier ein guter Kompass. Besuchen Sie den Pflegedienst bzw. die Einrichtung. Springt der Funke über? Sprechen Sie mit Freunden und. Bekannten, die in einer ähnlichen Situation sind oder waren. Setzen Sie die eigene Brille auch einmal ab und die der/des Betroffenen auf. Was ist dann wichtig?

Fazit

Als direkter Angehöriger denken Sie auch an sich! Eine Pflegebedürftigkeit ist meist keine „Eintagsfliege“. Sie brauchen Kraft, Ruhe und Erholung, um auch langfristig Ihrem Angehörigen zur Seite stehen zu können. Pflege ist eine Profession, lösen Sie diese auch so und vertrauen Sie den Fachleuten. Bei Fragen oder Unstimmigkeiten suchen Sie den direkten Draht, fragen Sie nach. Wenn Sie einen guten Pflegepartner haben, unterstützt er Sie und Sie bilden zusammen ein Team, um die optimale Versorgung und Betreuung gewährleisten zu können.

Fotos: panthermedia/kzenon

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