Artikel erschienen am 12.10.2016
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Kooperation am Beispiel eines zertifizierten Darmkrebszentrums

Was kann die Chirurgie zum Nutzen des Patienten beitragen?

Von Dr. med. Dirk Edelhäuser, Braunschweig | Prof. Dr. med. Heinrich Keck, Wolfenbüttel

Darmkrebs gehört zu den häufigsten Tumorerkrankungen der westlichen Welt. In Deutschland erkranken in jedem Jahr ca. 63 000 Menschen daran – statistisch ist jeder 14. Bundesbürger und jede 18. Bundesbürgerin im Laufe des Lebens davon betroffen. Etwa 26 000 Menschen sterben jährlich an dieser Krankheit. Mit einem Anteil von ca. 15 % an allen Krebsarten handelt es sich sowohl bei Frauen als auch bei Männern um die zweithäufigste Tumorerkrankung. Im Darmkrebszentrum Wolfenbüttel beispielsweise, das seit dem Jahr 2014 von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert ist, werden jährlich rund 120 Patienten mit der Dia­gnose Darmkrebs chirurgisch behandelt.

Krebserkrankungen sind in Deutschland für jeden zweiten Todesfall verantwortlich. Angesichts der demografischen Entwicklung ist sogar noch ein Anstieg der Neuerkrankungsfälle zu verzeichnen. Aus diesem Anlass wurde 2008 auf gesundheitspolitischer Ebene ein Nationaler Krebsplan erstellt, in dem u. a. die Zertifizierung von Einrichtungen zur Krebsbehandlung gefordert wird. Dies soll ein Höchstmaß an Qualität der Versorgung dieser Patienten sicherstellen. Die Anforderungen an solche Zentren werden von der Deutschen Krebsgesellschaft vorgegeben, regelmäßig angepasst und in deren Auftrag jährlich vor Ort überprüft.

Mittlerweile gibt es, um auf das eigentliche Thema zurückzukommen, in Deutschland fast 270 zertifizierte Darmkrebszentren.

Was ist ein Darmkrebszentrum?

Das Darmkrebszentrum ist eine regionale Kooperation aller an der Versorgung von Darmkrebspatienten beteiligten Kliniken, Arztpraxen und anderen Partnern mit dem Ziel, die Qualität der Versorgung zu verbessern. Sämtliche Vorgaben werden von einer Kommission der Deutschen Krebsgesellschaft, die aus Vertretern von 32 Fachgesellschaften besteht, regelmäßig aktualisiert. Darin sind bspw. die Struktur des Zentrums, die Qualifikation und Erfahrung der Behandler, aber auch die Kennzahlen hinsichtlich der Qualität der Versorgung vorgeschrieben. In aller Regel sind mindestens 20 bis 25 Kooperationspartner erforderlich, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Es erfolgt eine umfangreiche Dokumentation von Qualitätsindikatoren, um eine transparente Darstellung der erbrachten Leistungen, aber auch der Langzeitverläufe der behandelten Patienten zu ermöglichen.

Das zertifizierte Zentrum am Beispiel eines Darmkrebszentrums

Was macht nun ein Darmkrebszentrum aus?

In einem Darmkrebszentrum sind neben einem klaren Konzept auch die Strukturen zur optimalen Behandlung von Darmkrebspatienten vorhanden. Betroffenen wird eine ganzheitliche Versorgung in allen Phasen der Erkrankung – von der Vorsorge über die Diagnostik und Therapie bis zur Nachsorge angeboten. Fachärzte aller betroffenen Disziplinen entscheiden in wöchentlichen Konferenzen gemeinsam über die bestmögliche Behandlung der Erkrankung. Über Angebote der Teilnahme an Studien wird auch der Zugang zu neuen Therapiekonzepten ermöglicht. Betroffene aber auch Angehörige können durch ein umfangreiches Netzwerk aus Sozialdienst, Psychoonkologie, Stomaberatung, Palliativversorgern und Selbsthilfegruppen, um nur einige zu nennen, in weiteren Phasen der Erkrankung eine Hilfestellung erfahren.

Was ist eine Zertifizierung?

Die Zertifizierung bezeichnet das Verfahren, das im Falle dieser Krebszentren die Einhaltung der Anforderungen der Deutschen Krebsgesellschaft nachweist. Die Zentren werden in dem Zusammenhang jährlich einer 1- bis 2-tägigen externen Überprüfung vor Ort unterzogen und relevante Qualitätsindikatoren überprüft. Das bedeutet, dass Patienten eines zertifizierten Zentrums sichergehen können, mit einem Höchstmaß an geprüfter Kompetenz, Aktualität und Qualität betreut zu werden.

Die Etablierung eines solchen zertifizierten Darmkrebszentrums bringt für die beteiligten Kliniken und Partner einen nicht unerheblichen – im Übrigen bislang nicht honorierten personellen und organisatorischen Aufwand mit sich. Dennoch lohnt es sich, diesen Weg konsequent weiterzugehen, denn:

Erste Erfolge der Bemühungen werden sichtbar!

In einer aktuellen Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums zur Entwicklung der Darmkrebshäufigkeiten konnte nach Einführung der Vorsorgekoloskopie im Jahre 2002 nun ein Rückgang der Neuerkrankungsrate um rund 14 % festgestellt werden. Die Darmkrebssterblichkeit sank sogar um 21 % bei Männern und um 26 % bei Frauen. Dies ist vor allem auf die bessere Erkennung und Behandlung von Frühformen des Krebses zurückzuführen.

Das heißt: Sensibilisierung für das Thema und Vorsorge helfen!

Eine weitere positive Entwicklung der Zentrenbildung ist die steigende Qualität der Behandlung. Dies ist aus den jährlichen Kennzahlen der Zentren abzulesen und betrifft z. B. die Senkung der Komplikationsrate, die bessere Umsetzung der Behandlung nach neuester Leitlinie und die umfassendere Betreuung der Patienten hinsichtlich sozialer und psychologischer Auswirkungen der Erkrankung.

Die Rolle der Chirurgie innerhalb eines Darmkrebszentrums

Sollte im Rahmen einer Darmuntersuchung Krebs festgestellt worden sein, stellt sich meistens auch die Frage nach einer Operation. Diese ist nach wie vor auch in den meisten Fällen erforderlich und bietet die größte Chance auf Heilung. Voraussetzung ist allerdings, dass der Krebs vollständig entfernbar ist. Dies trifft übrigens auch auf Patienten zu, bei denen einzelne entfernbare Absiedlungen in Leber oder Lunge vorhanden sind. In einigen Fällen wird allerdings vor einer Operation per Bestrahlung und Chemotherapie eine Verkleinerung des Tumors angestrebt. All diese Fragen werden für alle Patienten eines Darmkrebszentrums im Rahmen einer Tumorkonferenz – unter Teilnahme speziell qualifizierter Chirurgen – diskutiert und eine gemeinsame Behandlungsempfehlung unterbreitet.

Die Operation bei Darmkrebs verfolgt also in erster Linie das Ziel der vollständigen Tumorentfernung. Weitere Anforderungen sind eine hohe Patientensicherheit, der Erhalt der Lebensqualität und zunehmend auch ein hoher Patientenkomfort und ansprechende Kosmetik.

In den letzten Jahren hat sich gerade in der Darmchirurgie ein enormer Wandel vollzogen. Das betrifft vor allem die breite Anwendung minimalinvasiver Operationen auch bei Darmkrebs und die Modernisierung des gesamten Behandlungskonzepts mit dem Schwerpunkt der Vermeidung von Komplikationen und einer optimalen Schmerzbehandlung. Ein weiterer Fokus liegt auf dem Erhalt der Blasen- und Sexualfunktion bei Operationen am Mastdarm durch eine verbesserte und nervenschonende Operationstechnik. Hierbei hat sich das minimalinvasive Vorgehen durch den Vergrößerungseffekt der Optik, die teilweise schon die 3-D-Technik verwendet, und die bessere Einsehbarkeit schwer zugänglicher Regionen der Bauchhöhle bewährt. Ein weiterer Fortschritt zeichnet sich bei der Abtragung von Frühformen des Mastdarmkrebses durch den After mithilfe eines speziellen Systems unter Videokontrolle ab. Welche dieser Techniken im einzelnen Krankheitsfall geeignet und sinnvoll sind, wird in einem ausführlichen Beratungsgespräch im Vorfeld einer Operation mit dem Patienten besprochen.

Die Chirurgie im Darmkrebszentrum betreut allerdings nicht nur die Patienten mit potentieller Heilungschance. Auch in Situationen, bei denen aufgrund eines bereits fortgeschrittenen Krebsleidens eine Linderung angestrebt wird, kommen gelegentlich chirurgische Maßnahmen wie die Schaffung einer Darmumleitung oder die Anlage eines künstlichen Darmausganges zur Vermeidung eines Darmverschlusses infrage.

Fazit

Der enorme Aufwand der Etablierung und Zertifizierung eines Darmkrebszentrums führt zu einer messbaren Qualitätssteigerung der Versorgung. Die Chirurgie ist ein zen-traler Pfeiler der Behandlung von Darmkrebspatienten aktuelle Innovationen verbessern den Patientenkomfort und erhalten die Lebensqualität bei unverändert hoher Sicherheit. Die beste „Therapie“ des Darmkrebses ist die Vorsorge.

Bitte stellen Sie sich folgende 3 Fragen:

  1. Haben Sie in Ihrem Stuhl in letzter Zeit Blut festgestellt?
  2. Hat oder hatte einer Ihrer nächsten Verwandten (Eltern, Geschwister, Kinder) bereits Darmkrebs?
  3. Sind Sie 50 Jahre alt oder älter?

Wenn Sie eine dieser Fragen mit „Ja“ beantwortet haben, sollten Sie unbedingt Ihren Hausarzt aufsuchen, um eine Darmkrebs-Vorsorgeuntersuchung zu planen. Dies gilt besonders, wenn einer Ihrer nächsten Verwandten unter 50 Jahren an Krebs erkrankt ist.

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