Artikel erschienen am 30.06.2016
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Moderne Therapie der Schwerhörigkeit

Von Prof. Dr. med. Omid Majdani, Wolfsburg

Schwerhörigkeit gehört nach Angaben der WHO zu den sechs häufigsten Erkrankungen, welche die Lebensqualität am meisten beeinträchtigen. Etwa 19 % der Bevölkerung in den Industrieländern leiden an Schwerhörigkeit. Von dieser Patientengruppe leidet wiederum die Hälfte an einer versorgungsbedürftigen mittel- bis hochgradigen Schwerhörigkeit.

Die Therapie der mittelgradigen Schwerhörigkeit kann, bei veränderter Anatomie des Mittelohres durch vorangegangene Entzündungen, Knocheneiterungen (Cholesteatome), Otosklerose oder posttraumatischen Zuständen, häufig operativ erfolgen. Ist das Innenohr (Cochlea) betroffen, ist zunächst eine Verstärkung des Schalls mittels Hörgeräte zur Verbesserung der Wahrnehmung von Sprache notwendig. Bei kombinierter Schwerhörigkeit oder Zuständen, die das Tragen eines Hörgerätes verhindern, bspw. bei wiederholten Entzündungen des Gehörganges oder Allergien gegen die Ohrpassstücke, kommen implantierbare Hörgeräte zum Einsatz. Wenn durch die optimierte Hörgeräteversorgung kein ausreichendes Sprachverständnis erzielt werden kann, insbesondere bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder auch bei ein- oder beidseitiger Taubheit, werden Cochlea-Implantate als sinnvoll erachtet.

Hörgeräte (HG)

In den vergangenen Jahren wurden moderne, filigrane und kompakte Hörgeräte entwickelt. Durch unterschiedliche Verstärkungen können die fehlenden Frequenzen im Hörspektrum individuell angepasst und für die Versorgung von leichter, mittelgradiger und sogar teilweise hochgradiger Schwerhörigkeit eingesetzt werden. Geräte mit offenen Ohrpassstücken und sehr dünnem Schallschlauch zwischen dem HdO (Hinter dem Ohr)-Gerät und dem Ohrpassstück werden für die Versorgung der leichten Schwerhörigkeit angepasst. Dies hat den Vorteil, dass der Gehörgang nicht komplett verschlossen wird. Das Ohrschwitzen und Ohrlaufen wird dadurch zusätzlich erheblich reduziert.

Implantierbare Hörgeräte

Implantierbare Hörgeräte kommen dann zum Einsatz, wenn nach mehreren Ohreingriffen oder durch wiederkehrende Entzündungsprozesse das Ohr eine bleibende Schallleitungsschwerhörigkeit behält. Das Innenohr darf dabei aber nicht in einem beschädigten Zustand sein und könnte noch gut hören, wenn der Schall von außen auf das Innenohr adäquat transportiert werden würde. Implantierbare Hörgeräte verstärken durch Vibrationen, welche die Gehörknöchelchen oder auch die Öffnungen der Cochlea zum Mittelohr erreichen, die Übertragung der Schallwellen an das Innenohr. Dies wird auch durch das Eintauchen in die Cochlea sowie durch die Befestigung in der Nähe des Innenohres am Schädelknochen erreicht. Bis auf das Carina-Implantat (Cochlear, Sydney, Australien), das komplett implantierbar ist, sind andere verfügbare Systeme, namentlich MET (Fa. Cochlear), CoDacs (Cochlear) Vibrant Soundbridge (MedEl GmbH, Innsbruck, Österreich) und Bone Bridge (MedEl) teilimplantierbare Hörgeräte, wobei der Stimulator jeweils implantiert und ein Sprachprozessor außen über die geschlossene Haut aufgesetzt wird. Der Sprachprozessor kann in Form eines HdO-Hörgerätes oder alternativ als ein Gerät in Form einer kleinen Scheibe von außen auf das eingesetzte Implantat aufgesetzt werden, welches vorab unter die Haut implantiert wurde. Zwei Magnete, einer in dem implantierten Gerät unter der Haut und einer in dem außen zu tragenden Sprachprozessor, halten diesen in Position. Die Übertragung der Energie und Information erfolgt induktiv. Der Verstärkungsgrad der einzelnen Implantate ist sehr unterschiedlich und kann, abhängig von der jeweiligen Hörleistung des Patienten, das passende Implantat gewählt und implantiert werden.

Cochlea-Implantate (CI)

Bei hochgradiger Schwerhörigkeit und Taubheit, mit gleichzeitig intaktem Hörnerv und zentraler Hörbahn, kommen Cochlea- Implantate zum Einsatz. In Deutschland werden jährlich mehr als 3 500 Patienten mit CIs versorgt, weltweit sind bereits mehr als 400 000 Patienten CI-Träger. Wenn trotz optimierter Hörgeräteversorgung ein ausreichendes Sprachverstehen nicht erreicht werden kann, wird ein Cochlear-Implantat in Erwägung gezogen. Das Cochlear-Implantat, welches sich äußerlich kaum von den implantierbaren Hörgeräten unterscheidet, funktioniert nicht durch Vibrationen an den Gehörknöchelchen, sondern stimuliert den Hörnerv elektrisch. Hierzu wird vom implantierten Gerät eine Elektrode in die Hörschnecke vorgeschoben. Die Anzahl der Kontakte auf der Elektrode unterscheidet sich je nach Hersteller und Implantat-Typ. CIs können ein- oder beidseitig implantiert werden. Die Vielfalt der CI-Geräte unterscheidet sich durch die Strategie der Umsetzung des akustischen Signals auf die elektrische Stimulation (Sprachkodierungsstrategie) sowie die Form und Anzahl der Kontakte der Elektroden. Die Firmen Cochlear (Sydney, Australien), MedEl (Innsbruck, Österreich), Advanced Bionics & Phonak (Sonova, Stäfa, Schweiz) und Oticon (Kongebakken/Dänemark) vermarkten jeweils unterschiedliche Cochlea-Implantate, die je nach Form (gerade oder spiralförmig wie die Hörschecke) und Länge der Elektrode für die Versorgung der unterschiedlichen Hörstörungen geeignet sind. Nach der Implantation des Implantates ist für die Anpassung des Sprachprozessors eine Hörtherapie notwendig, um einen optimalen Hörerfolg zu erreichen.

Info

So vielfältig die Ursachen von Ausprägungsgrad von Hörstörungen sind, so mannigfaltig sind auch die zur Verfügung stehenden operativen und apparativen Therapieformen. Der otologisch versierte HNO-Arzt wird nach Durchführung unterschiedlicher diagnostischen Tests nach der Ursache für die Erkrankung forschen, um den Patienten die richtige Therapie anraten zu können.

Foto: Cochlear Limited

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