Artikel erschienen am 21.04.2023
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Psyche und Soma

Von Dr. med. Mohammad-Zoalfikar Hasan, Königslutter am Elm

Das darf niemanden überraschen, weil Krankheitskonzepte, insbesondere in der Psychiatrie, nicht nur vom Forschungsstand, sondern auch von gesellschaftlichen Einstellungen abhängig sind. Im 19. Jh. standen die hysterischen Lähmungen in Mittelpunkt der Diskussion, heute sind es die chronischen Schmerzsyndrome.

Schon in der Antike fand eine Trennung von Psyche und Soma statt. In der griechischen Philosophie wurde ab dem 5 Jh. v. Chr. zwischen Körper und Geist-Seele unterschieden.

In den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts war man in Bezug auf psychische Störungen rein naturwissenschaftlich ausgerichtet, man befasste sich vorwiegend mit dem Körper. Die Psychiatrie war von der Psychotherapie abgespalten.

Die Psychoanalytiker waren in Bezug auf psychosomatische Störungen am Anfang skeptisch. Während Freud sich von der Psychosomatik abwandte, seinen Schülern abriet, sich damit zu befassen, entwickelte Franz Alexander 1950 erstmals Theorien zu 7 Körperkrankheiten, indem er unbewusste Konflikte einer Erkrankung zuordnete wie beim Ulcus duodeni dem Wunsch nach „Nährend-versorgt-werden“ oder die unbewusste Erwartung eines Hypertonikers sich gegen einen Angriff wehren zu müssen, was Uexküll später Bereitstellungskrankheit nannte.

Uexküll, Pionier und Nestor der psychosomatischen Medizin, entwarf das Konzept der „Integrierten Medizin“, er wollte die bio-psycho-sozialen Dimensionen des Menschen in die Spezialgebiete der Medizin zurückzubringen.

Die Qualität, die Körper und Geist voneinander trennt, wurde durch die Psychiatrie-Enquete nicht überwunden, eher verstärkt. Man unterschied weiterhin zwischen einem psychiatrischen und psychotherapeutisch-psychosomatischen Fachgebiet. 1992 wurde der Facharzt für psychotherapeutische Medizin implementiert. 2003 folgte auf dem deutschen Ärztetag eine Umbenennung zum Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.

Die Integration der Psychiatrie, aber auch der Psychosomatik in die Medizin war nicht immer einfach. Dennoch hat sich in den letzten Jahren das Krankheitsverständnis hinsichtlich psychischer und somatischer Zusammenhänge auch in der Allgemeinbevölkerung verändert und positiv entwickelt. Psychische Aspekte und psychische Versorgungmodelle in der Behandlung von somatischen Erkrankungen, die früher als kränkend empfunden wurden, werden heute zunehmend akzeptiert und sogar erwartet. Denken Sie an die Haltung in Bezug auf die Psychoonkologie und die Rolle von psychischem Stress bei somatischen Erkrankungen. Bestseller wie Darm mit Charme von Giulia Enders (der Darm als Schlüssel zu Körper und Geist) oder die Bedeutung von Probiotika wecken das öffentliche Interesse.

Aber auch in der Psychiatrie hat das Thema Soma und Psyche einen hohen Stellenwert erlangt, bedenkt man die Anforderungen an Behandlungen in Zusammenhang mit komorbiden somatischen Störungen oder dem iatrogen verursachten metabolischen Syndrom (Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörung, Adipositas) durch Psychopharmaka, dass inzwischen auch in der neuen S3-Leitlinie Schizophrenie mit entsprechenden Empfehlungen ausführlich dargestellt wird. Inwieweit im klinischen Alltag auch die Lebensführung schwer psychisch Kranker durch entsprechende Behandlungsprogramme, einschließlich Sport und Bewegungstherapien, positiv beeinflusst werden kann, hängt sicherlich von vielen Faktoren ab, unter anderem der Motivation der Patienten aber auch dem Engagement der Behandler.

An die Behandlung von chronischen psychischen und psychosomatischen Krankheiten werden heute hohe Erwartungen gestellt, insbesondere unter dem Druck ökonomischer Bedingungen. Die Beurteilung der Schwere einer Erkrankung bei fehlenden Organkorrelaten wie bei der chronischen Schmerzstörung ist schwierig, Stigmatisierung der Patienten in diesem Zusammenhang auch heute noch Thema. Zur Frage, ab wann man von einer psychischen Störung überhaupt reden kann und wer nach heutiger Sicht psychisch krank ist, existieren auch im Zusammenhang mit der vorangegangenen DSM-5-Diskussion (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5) und dem Versuch, Krankheiten zu kategorisieren, immer noch kontroverse Ansichten. Kriterien sind Störung des Denkens, Erlebens und Verhaltens und eine Dysfunktion, die aber nicht genauer definiert wird und am ehesten als Beeinträchtigung des Wohlergehens zu verstehen ist. Ein wesentlicher Krankheitsaspekt ist auch das subjektive Leiden eines Menschen, was wiederum von schizophrenen oder manischen Patienten oft verneint wird.

Die neuen medizinischen Klassifikationssysteme DSM 5 und demnächst auch ICD 11 (International Statistical Classification of Diseases-11) zielen auf die Aufhebung des sogenannten „Leib-Seele“-Dualismus ab und wir hoffen dadurch eine bessere Behandlung und bessere gesellschaftliche Akzeptanz für unsere Patienten erreichen zu können. Ob dies gelingen wird, bleibt abzuwarten.

Wir wissen heute, dass bei allen Erkrankungen neben biologischen Prozessen auch psychologische und psychosoziale Aspekte, sowohl hinsichtlich der Entstehung, als auch Bewältigung einer Erkrankung maßgeblich sind. Diese Erkenntnisse müssen dazu führen, dass sich eine integrative Sichtweise und Haltung in der Diagnostik und Therapie durchsetzt. Das bedeutet, dass die Behandler offen und bereit sein müssen, die subjektive Sichtweise der Patienten hinsichtlich ihrer Erkrankung, Beschwerden, deren Ursachen und Bedeutung für ihr Leben anzunehmen. Zu dieser patientenzentrierten Haltung in der Medizin gibt es keine bessere Alternative. Begabung und Interesse an Patienten allein, darauf hat Egger 2014 hingewiesen, reichen nicht aus, diese Haltung zu entwickeln und zu verinnerlichen. Dafür sind neben Supervision auch Lehrangebote, Wissensvermittlung und Erfahrungsaustausch erforderlich.

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