Artikel erschienen am 14.12.2023
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Alles in Ordnung? Das kann doch nicht wahr sein!

Von Dr. Med. Isabelle Lang-Rollin, Königslutter

Er war im Februar nach einer beruflich stressigen Zeit zunächst über einen längeren Zeitraum erkältet gewesen. Danach hatte sich eine Lungenentzündung entwickelt, wegen der er akut mit Luftnot in ein Krankenhaus kam. Den Aufenthalt dort hatte er aufgrund der Symptome sowie der intensiven Abklärung verdächtiger Befunde im Röntgenbild nicht in guter Erinnerung. Nach der seiner Meinung nach verfrühten Entlassung nach Hause ist sein Zustand nie wieder der alte geworden, obwohl ihm die Ärzte versichert haben, alles sei in Ordnung. Im Verlauf sind neben Abgeschlagenheit und wiederkehrender Kurzatmigkeit auch weitere Symptome dazu gekommen, wie Schwindel und Herzrasen. Eine ganze Reihe weiterer Abklärungen bei verschiedenen Fachärzten sind „ohne Befund“ geblieben. Er fühlt sich zunehmend von den Ärzten nicht ernst genommen und ist frustriert. Ein Wiedereingliederungsversuch auf der Arbeit ist gescheitert. Schließlich gibt er der Hausärztin nach und begibt sich widerwillig in eine psychosomatische Klinik.

Foto: Adobe Stock / ekim

Bei Hr. M. zeigt sich das typische Bild einer somatoformen Störung. Somatoforme Störungen sind häufige Erkrankungen, bis zu 13% der Bevölkerung erkrankt im Verlauf des Lebens – und man geht davon aus, dass circa ein Viertel der Patient*innen in den Wartezimmern ärztlicher Praxen daran leiden. Sie können auf der körperlichen Ebene sehr verschiedene Symptome zeigen: Das Spektrum reicht von Magen-Darm-Beschwerden, Atemnot, Herz-Kreislaufbeschwerden, über Hautprobleme, Schwindel und andere neurologische Probleme, alle möglichen Schmerzen bis hin zu unspezifischen Beschwerden wie Abgeschlagenheit oder Müdigkeit. Man spricht auch von funktionellen Störungen, die sich zwar im Körper oder am Organ abspielen und teilweise auch objektivierbar sind, aber nicht mit einer Schädigung eines Organsystems einhergehen und von ihrem Wesen her nicht bedrohlich sind. Sie führen aber bei den Betroffenen zu erheblichem Leid und häufig führt eine regelrechte Odyssee durch verschiedene medizinische Institutionen zu zunehmender Frustration, da keine eindeutige Ursache für die Beschwerden gefunden wird oder einzelne auffällige Befunde keine schlüssige Erklärung für das Ausmaß der Beschwerden abgeben. Auch für die Ärzt*innen ist die Behandlung und diagnostische Abklärung nicht immer einfach, denn einerseits will man nichts übersehen, andererseits können unnötige Untersuchungen und Behandlungsversuche auch schaden und das Krankheitsgeschehen noch verschlimmern.

Wie bei den meisten psychosomatischen Erkrankungen haben somatoforme Störungen keine fassbare einzelne Ursache, sondern entwickeln sich aus dem Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren. Neurobiologische Besonderheiten, schwierige biographische Erfahrungen oder persönlichkeitsbedingte Aspekte wie ein hohes Kontrollbedürfnis oder eine erhöhte Ängstlichkeit erhöhen das Risiko für das Auftreten einer somatoformen Störung.

Am Anfang, im Sinne einer Auslösung, steht häufig eine Verunsicherung in Bezug auf die eigene Gesundheit. Dies kann eine eigene Erkrankung sein, aber auch Krankheit oder Tod im Familien- und Freundeskreis, manchmal auch ein erschütternder Bericht im Fernsehen. Eigene Körpersymptome werden dann in einem anderen Licht wahrgenommen und als bedrohlich erlebt. Automatisch richtet sich die Aufmerksamkeit mehr und mehr auf den Körper. Allerdings hat auch ein gesunder Mensch mehr oder weniger ständig irgendwelche Symptome, die meistens keine besondere Bedeutung haben und von allein wieder weggehen, die aber auch Zeichen von schweren Erkrankungen sein können. Werden solche ‚Symptome‘ vermehrt wahrgenommen, steigt das Gefühl, mit einem stimme etwas nicht und die Überzeugung macht sich breit, an einer schlimmen Erkrankung zu leiden. Die Messung von allen möglichen Körperfunktionen, wie sie z.B. durch Smart Watches mittlerweile möglich ist, sowie die allzeit mögliche Internetrecherche verunsichert dann zusätzlich und schürt neue Ängste. Diese Ängste wiederum aktivieren das körperliche Stresssystem und führen zu neuen Symptomen. Ein krankheitsaufrechterhaltender Teufelskreis, aus dem man schwer wieder herausfindet. Ein Besuch beim Arzt oder Heilpraktiker kann möglicherweise für eine Weile eine Beruhigung bringen, „alles ist in Ordnung“, aber nach einer Weile kommen erneut Zweifel auf. Wurde nichts übersehen? Noch schlimmer wird es, wenn man sich dann beim Arzt nicht mehr ernst genommen fühlt, und das Vertrauen in das medizinische System schwindet. Schließlich haben Ärzte häufig wenig Zeit, die Aussagen „Sie haben nichts“ oder „das ist psychisch“ helfen auch nicht weiter und manchmal wird ja wirklich etwas übersehen.

Häufig tragen auch Versuche, die Symptome durch bestimmte Verhaltensweisen zu lindern, ebenfalls zur Teufelskreisdynamik bei. Die körperliche Schonung zum Beispiel, die bei akuten, durch eine Entzündung oder Verletzung bedingten Schmerzen sinnvoll ist, kann bei chronischen und eher somatoform bedingten Schmerzen langfristig eher zu noch mehr Schmerzen führen. Ein anderes Beispiel ist die Schonkost bei Darmbeschwerden. Bei akuten Beschwerden oder Unverträglichkeiten kann das helfen, bei somatoformen (sogenannten funktionellen) Darmbeschwerden führt eine Schonkost langfristig häufig zu einem noch empfindlicheren Darm.

Die Behandlung somatoformer Störungen setzt zunächst an diesen Teufelskreisen an. Meistens hilft es schon etwas, die Diagnose erklärt zu bekommen und die oben genannten Zusammenhänge zu verstehen. Auch wenn es häufig schwerfällt, den Wunsch nach einer fassbareren Ursache der Erkrankung aufzugeben, ist die Botschaft, dass die Erkrankung einen Namen hat und behandelbar ist, häufig eine Erleichterung. Danach geht es daran, die beteiligten Faktoren zu verändern: die Selbstbeobachtung zu reduzieren, angstverstärkende Gedanken und Bewertungen zu identifizieren und zu hinterfragen, die Internetrecherchen bleiben zu lassen, das Blutdruckgerät oder die Pulsuhr o.ä. in den Schrank zu sperren, bei den bekannten Symptomen nicht mehr zum Arzt zu gehen, das Schonverhalten zu reduzieren. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Denn dadurch werden die Verunsicherung und manchmal auch die Symptome häufig erst einmal schlimmer.

Und erst schrittweise kann man dann lernen, wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen. Dabei streift man in der Therapie auch häufig existenzielle Themen. Denn ein hundertprozentiges Vertrauen kann es nicht wirklich geben, schließlich sind wir biologische Wesen, verletzbar und letztlich auch sterblich. Zwar haben die Lebensumstände und die Fortschritte in der Medizin zu einer starken Verbesserung von Gesundheit und Lebenserwartung geführt, aber Garantien gibt es leider nicht. Hiermit einen guten Umgang zu finden, ist nicht immer einfach und die Möglichkeit hierzu hängt auch sehr von den bisherigen Lebenserfahrungen und der aktuellen Lebenssituation ab. Auch diese werden in der Therapie berücksichtigt.

Bei funktionellen Körpersymptomen, die sich nicht durch Veränderungen im Umgang mit der Erkrankung, Reduktion von Stress oder Klärung von Beziehungsschwierigkeiten bessern, kann es auch manchmal darum gehen, bestehende Beschwerden zu akzeptieren und trotzdem einen Weg zu finden, ein erfülltes Leben zu führen. Sich auf die eigenen Werte und wichtigen Ziele im Leben zu besinnen, neue Dinge auszuprobieren, die einem Freude bereiten können, zwischenmenschlichen Beziehungen zu pflegen und auszubauen... All dies kann dabei helfen, den Fokus auf die körperlichen Beschwerden etwas abzurücken und das Leid zu reduzieren.

So vielfältig wie die Ursachen sind, ist letztlich auch der Behandlungsweg. In der Psychotherapie werden zusammen mit den Patient*innen individuelle Faktoren der Störung identifiziert: in dem sogenannten Störungsmodell wird die Erkrankung nachvollziehbar und erklärbar. Hieraus ergeben sich unmittelbar individuelle Lösungsansätze und Heilungswege. Dies kann je nach Schwere der Erkrankung und auch den Lebensumständen ambulant in einer Psychotherapie oder aber auch stationär in einer psychosomatischen Klinik erfolgen.

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