Artikel erschienen am 14.12.2023
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Schizophrenie verstehen – Berührungsängste verlieren

Von Dr. Med. Theresia Falk, Königslutter

Daher kommt es im gesellschaftlichen Leben immer wieder zu Berührungspunkten mit dieser Erkrankung. Aus der Ferne fasziniert die Schizophrenie aufgrund ihrer vielgestaltigen Erscheinungsform die Menschen.

Foto: Adobe Stock / 1by1step

Allerdings entstehen durch oftmals selektives und klischeehaftes Aufgreifen der Thematik in den Medien und fehlendes Wissen über die psychopathologisch herleitbaren Verhaltensweisen der Erkrankten im direkten Kontakt mit den betroffenen Personen auch Misstrauen, Berührungsängste oder sogar eine abwertende Haltung.

Im Alltag erfahren betroffene Personen daher häufig Ignoranz und Ablehnung: Die Menschen halten Abstand zu jemandem, der Selbstgespräche führend durch ein Einkaufszentrum geht oder amüsieren sich über preisgegebene bizarre Wahninhalte oder beobachtete Verhaltensauffälligkeiten.

Das Verstehen dieses Krankheitsbildes kann dazu beitragen, Vorurteile, die oft mit Angst verbunden sind, abzubauen.

Hinter dem 1911 von Egon Bleuler geprägten Begriff „Schizophrenie“ – zu Deutsch „gespaltene Seele“ – verbirgt sich nicht wie oft angenommen eine „gespaltene Persönlichkeit“. Vielmehr meint der Begriff die Spaltung zwischen der subjektiven und objektiven Realität (bzw. der subjektiven Realität der anderen, nicht betroffenen Menschen).

Die Diagnostik und Therapie der Schizophrenie gehört in die Hände eines Psychiaters und/oder Psychotherapeuten. Die Diagnose wird gestellt, wenn über einen Zeitraum von mindestens vier Wochen typische Symptome auftreten. Kernsymptome der akuten Schizophrenie sind dabei „psychotische Symptome“ wie eine gestörte Grenze zwischen der betroffenen Person und der Außenwelt, eine veränderte Wahrnehmung der Realität und deren Bewertung sowie ein beeinträchtigter Denkablauf. Diese Symptome führen zu einem veränderten Verhalten. Nach Abklingen der akuten Symptomatik treten andere Symptome wie Einschränkungen der Konzentrationsfähigkeit und Auffassungsgabe, Gefühlsarmut und Antriebsminderung mit sozialem Rückzug in den Vordergrund. Diese Symptome schränken das Funktionsniveau der Betroffenen stark ein, sind für das Umfeld allerdings weniger leicht erkennbar.
Wenn die Grenze zwischen der Person und ihrer Umwelt gestört ist, spricht man psychopathologisch von „Ich-Störungen“. Die Betroffenen haben das Gefühl, dass ihre Gedanken von Außenstehenden gelesen, beeinflusst oder entzogen werden können. Einige berichten, dass sie das Gefühl haben, die Gedanken einer fremden Person im Kopf zu haben oder sich in ihrem Denken und auch Handeln von Dritten bestimmt oder gesteuert zu werden.

Wahrnehmungsstörungen treten typischerweise als akustische Halluzinationen auf. Die betroffene Person hört eine oder mehrere Stimmen, die kommentieren, was sie tut, sich über sie unterhalten oder aber ihr Befehle erteilen. In den meisten Fällen wird dieses von den Betroffenen als störend oder beängstigend empfunden. Manchmal antworten Betroffene diesen Stimmen auch, z. B. in der Hoffnung, diese dann zum Schweigen zu bringen, was Außenstehenden nicht verborgen bleibt.

Besonders bemerkenswert sind Symptome, die die Interpretation der Wahrnehmung betreffen. Es handelt sich um den Bereich des „Wahns“. Dieser kann von einem unbestimmten Gefühl, dass „etwas in der Luft liegt“, etwas „bevorsteht“ oder „vor sich geht“, über plötzliche Wahneinfälle, bei denen den Betroffenen plötzlich und ohne äußeren Anlass klar wird, dass ein bestimmter „Sachverhalt“ vorliegt bis zu Wahnwahrnehmungen, bei denen realen Dingen eine andere, für Außenstehende nicht nachvollziehbare Bedeutung beigemessen wird, gehen. Werden diese Wahninhalte miteinander, aber auch mit den Sinnestäuschungen oder Ich-Störungen, verknüpft, entsteht mit der Zeit ein für den Betroffenen logisches Wahnsystem.

Zur Verdeutlichung soll folgendes (frei erfundenes) Beispiel eines systematisierten Verfolgungswahnes dienen: So könnte ein Erkrankter berichten, dass er schon einige Wochen ein unwohles Gefühl gehabt habe (Wahnstimmung), dann aber vor zwei Wochen plötzlich begriffen habe, dass er vom Geheimdienst verfolgt werde (Wahneinfall). Heute habe an der Straße ein Fahrzeug geparkt und über das Nummernschild die Botschaft „Wir kriegen Dich!“ an ihn vermittelt (Wahnwahrnehmungen). Er höre auch, wie die Agenten über ihn sprechen würden (akustische Halluzinationen) und habe das Gefühl, dass seine Gedanken für alle sichtbar seien (Gedankenausbreitung). Man habe ihm im Schlaf einen Sender implantiert, um dieses möglich zu machen und so seine permanente Überwachung zu gewährleisten (Wahngedanke). Er müsse daher ständig vorsichtig sein, habe den Kontakt zu Mitmenschen eingeschränkt, sein Telefon weggeworfen und schlafe nachts kaum noch (Verhaltensänderung).

Die Inhalte eines Wahnes sind nicht korrigierbar. Beweise, die die vom Betroffenen angenommene Theorie widerlegen, können von den betroffenen Personen nicht akzeptiert werden. Andersherum sind für die Betroffenen keine Beweise erforderlich, um ihre Annahmen zu untermauern. Es besteht eine „Wahngewissheit“. Durch den Versuch, gegen das Wahnsystem zu argumentieren, entsteht Misstrauen und im ärgsten Fall wird der Gesprächspartner in das Wahnsystem einbezogen.

Natürlich soll man die wahnhaften Annahmen einer betroffenen Person nicht dadurch verstärken, dass man ihr vermittelt, diese Annahmen zu glauben. Sinnvoll ist es hier, die damit verbundenen Gefühle anzuerkennen. In dem Beispiel der Person mit Verfolgungswahn ist es also nicht sinnvoll, zu argumentieren, dass die Annahmen der Person nicht stimmen können, sondern zu vermitteln, dass man das damit verbundene nachvollziehbare Gefühl der Angst versteht und dass der Betroffene wohl auch sehr erschöpft sein müsse, da er nicht zur Ruhe kommen kann – dieser Leidensdruck ist es, der für die Betroffenen eine Motivation darstellt, sich einer Behandlung zu öffnen und das ausgedrückte Verständnis für die Situation ist der Grundstein für das Aufbauen von Vertrauen.

Auch die Art, wie an Schizophrenie erkrankte Menschen denken, kann verändert sein. Gedanken können beschleunigt sein, mitten im Denkfluss kann ein Gedanke abgebrochen werden und ein neuer Gedanke kommen. Gesprächspartner können einem Gespräch mit der betroffenen Person nicht folgen, da die Person scheinbar von einem Thema auf ein völlig anderes „springt“ oder eine gestellte Frage vermeintlich völlig unpassend beantwortet. Im schlimmsten Fall führt diese Denkzerfahrenheit dazu, dass die gesprochene Sprache völlig entstellt wird. Hier kann gezieltes und wiederholtes Nachfragen helfen, auch um den Betroffenen zu vermitteln, dass man daran interessiert ist, ihn richtig zu verstehen. Auch die schlussfolgernde Rückmeldung, dass es sicher frustrierend für die betroffene Person ist, nicht verstanden zu werden, wirkt sich vertrauensfördernd aus.

Durch die gestörten Denkabläufe kann die betroffene Person ihren täglichen Aufgaben nicht mehr nachkommen, sei es der Arbeit, der Haushaltsführung oder aber manchmal auch der Körperhygiene. Es kann sogar zu einer „Bewegungsstarre“ kommen, sodass nicht einmal mehr die Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme eigenständig erfolgen kann. Den Erkrankten ist der Zustand keineswegs egal und sie sind auch nicht zu „faul“. Sie sind schlichtweg nicht mehr in der Lage, diese Dinge eigenständig zu verrichten und benötigen Unterstützung. Das zu verstehen hilft dabei, den Betroffenen wertschätzend entgegenzutreten.

Aus der veränderten Art zu Denken und den veränderten Denkinhalten können bizarre Verhaltensweisen resultieren, die für Außenstehende nicht nachvollziehbar, skurril oder beängstigend wirken. Viele Menschen schlussfolgern aus irrationalen Verhaltensweisen, dass die betroffene Person auch sonst unberechenbar handeln könnte, weshalb die Reaktion – Abstand halten – aus dem Gefühl der Angst heraus entsteht und verständlich ist. Die Erfahrung, dass Betroffene ihre Gründe für ungewöhnlichen Handlungsweisen haben, die Außenstehende nur nicht nachvollziehen können - so dass diese Verhaltensweisen nicht so irrational sind, wie es scheint – sollte dazu führen, dass Mitmenschen weniger Berührungsängste haben. Diese Erfahrung kann allerdings nur durch den Kontakt mit psychisch Erkrankten gemacht werden.

In den meisten Fällen können betroffene Personen selber nicht erkennen, dass sie an einer Erkrankung leiden. Die Motivation zu einer Behandlung mit dem langfristigen Ziel der gesellschaftlichen Teilhabe muss daher aus einer anderen Quelle kommen – nämlich, dass die Symptome Leidensdruck verursachen, den es anzuerkennen gilt, und dass die Person, die zur Behandlung rät, vertrauenswürdig ist. Bevor ein Kontakt mit dem Gesundheitssystem entsteht, sind dies somit Menschen aus dem sozialen Umfeld der Erkrankten.

Jeder Einzelne kann durch sein Verhalten einen Beitrag zur Wiedereingliederung der Betroffenen in die Gesellschaft leisten, da der Stigmatisierung und Ausgrenzung der Betroffenen mit Wissen über die Erkrankung und Umgang mit den Erkrankten entgegengewirkt wird.

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