Brandnarbenbehandlung mit Micro-Needling
Moderne Möglichkeiten, medizinischer Nutzen und realistische Erwartungen
Von Prof. Dr. Peter M. Vogt, Hannover | Dr. med. Viola A. Stögner, Hannover
Foto: Adobe Stock/ triocean
Was sind Brandnarben?
Brandnarben entstehen, wenn die Haut durch Hitze, chemische Substanzen oder Strom tief geschädigt wird und unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von anderen Narbenformen. Charakteristisch sind flächige, thermische oder chemische Gewebeschädigungen, bei der nicht nur die oberflächlichen, sondern auch tieferen Haut- und Bindegewebsschichten betroffen sind. Diese tiefgreifende Gewebeverletzung zieht einen komplexen Heilungsprozess nach sich, mit einer ausgeprägten Neigung zur sogenannten hypertrophen (überschießenden, wulstigen) Narbenbildung, unregelmäßigen Narbenoberflächen, Verhärtungen, Einziehungen sowie Narbenverkürzungen.
Auch nach erfolgreich überstandener Akuttherapie – etwa nach operativer Wundversorgung, in der Regel mittels Hauttransplantation – leiden viele Betroffene trotz intensiver Rehabilitationsmaßnahmen und konservativer Narbentherapien langfristig unter den Folgen ihrer Brandverletzungen. Viele Betroffene berichten über anhaltende Spannungsgefühle, Juckreiz, Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen. Hinzu kommen häufig erhebliche psychische Belastungen, insbesondere wenn Narben an gut sichtbaren Körperregionen liegen. Großflächige Brandnarben mit gelenksübergreifender Ausdehnung führen häufig zur Ausbildung derber Narbenstränge und -kontrakturen, die mit einer erheblichen Einschränkung der Beweglichkeit und damit der Alltagsfunktion und Lebensqualität einhergehen.
Ziele der modernen Narbenbehandlung:
Die moderne Narbenmedizin verfolgt daher nicht nur die ästhetische, sondern vor allem auch die funktionelle Verbesserung des Narbengewebes und die Linderung chronischer Beschwerden. Eine etablierte und effektive Behandlungsoption innerhalb dieses ganzheitlichen Ansatzes stellt das medizinische Micro-Needling dar.
Wie funktioniert medizinisches Micro-Needling?
Beim medizinischen Micro-Needling werden mit feinen, etwa 2,5- 3mm langen Nadeln, die an einem Needlingroller oder -stempel angebracht sind, zahlreiche kontrollierte Mikroläsionen in vertikaler, horizontaler und diagonaler Richtung in der Epidermis und Dermis gesetzt. Das unmittelbare Resultat einer effektiven Behandlung ist eine Vielzahl an minimalen, intradermalen Blutungen, sog. Petechien, über dem spezifischen Narbenareal. Die gesetzten Mikroläsionen stimulieren über die Ausschüttung endogener Wachstumsfaktoren die körpereigenen Reparaturmechanismen. Es kommt zur Aktivierung von Fibroblasten in der Haut und folglich zur Kollagenproduktion und -remodelling, weshalb die medizinische Micro-Needling Behandlung auch Perkutane Kollageninduktionstherapie genannt wird. Unter der Vielzahl an beteiligten Wachstumsfaktoren wird insbesondere dem Transforming Growth Factor (TGF)-ß3 eine wichtige Rolle im Needling-assoziierten Kollagenremodelling zugeschrieben.
Kollagen ist ein wichtiges Strukturprotein der Haut und verleiht ihr Festigkeit, Stabilität und Elastizität. Im Rahmen des Heilungsprozesses von Brandnarben kommt es häufig zu einer ungeordneten, dicht gepackten und starren Anordnung von Kollagenfasern. Unter Kollagenremodelling versteht man den natürlichen Prozess des schrittweisen Abbaus dieses ungünstig strukturierten Narbenkollagens und des Ersetzens durch neu gebildete, funktionell besser organisierte Kollagenfasern.
Als Resultat zeigt sich das Kollagennetzwerk nach medizinischen Micro-Needling Behandlungen engmaschig vergittert, bei deutlicher Zunahme der epidermalen Schichtdicke und folglich merkbarer Verbesserung der Narbenqualität. Narben werden durch die Behandlung weicher, flacher, unauffälliger und stabiler. Auch Narben-assoziierte Pigmentverschiebungen können sich mit Needling Behandlungen verringert werden. Deutlich sicht- und spürbare Ergebnisse zeigen sich hierbei in der Regel erst nach mehreren Behandlungssitzungen.

Foto: Adobe Stock/ triocean
Für wen ist Micro-Needling geeignet?
Micro-Needling eignet sich insbesondere für Patientinnen und Patienten mit stabil abgeheilten Brandnarben, funktionellen Beschwerden wie Bewegungseinschränkungen, sowie verhärtetem oder unregelmäßigem Narbengewebe. Die Behandlung kann an allen Körperregionen und bei allen Hauttypen angewandt werden.
Nicht oder nur eingeschränkt geeignet ist das Verfahren unter anderem bei offenen oder instabilen Narben, akuten Entzündungen oder Infektionen der Haut, bestimmten Hauterkrankungen oder sehr ausgeprägten Narbenkontrakturen bei denen andere operative Maßnahmen erforderlich sein können. Eine individuelle ärztliche Untersuchung und Beratung ist daher immer Voraussetzung für eine medizinische Micro-Needling Behandlung.
Ablauf der Behandlung
Vor Beginn der Therapie erfolgt ein ausführliches ärztliches Gespräch. Dabei werden Art, Ausdehnung und Reifegrad der Narbe beurteilt sowie mögliche Alternativen besprochen. Die Behandlung dauert in der Regel 30 bis 60 Minuten. Je nach Empfindlichkeit kann eine lokale Betäubung oder eine Kurznarkose eingesetzt werden. Unmittelbar nach dem Micro-Needling ist das behandelte Areal geschwollen und hämatös (wie bei einem blauen Fleck rot-bläulich verfärbt). Leichte Blutungen über die Stichkanäle sistieren i.d.R. bereits wenige Minuten nach dem Eingriff spontan. Über die kleinen gesetzten Mikroläsionen sondert die Haut in den ersten Stunden Wundflüssigkeit ab, weshalb in dieser Zeit feuchte Kompressen aufgelegt werden sollten, um eine Krustenbildung vorzubeugen. Diese Reaktionen klingen meist innerhalb weniger Tage ab. Wir empfehlen die behandelten Hautareale etwa eine Stunde nach dem Eingriff mit einer antiseptischen Waschlotion, z.B. Teebaumöl-Waschgel, zu reinigen. Durch eine mehrwöchige topische Vor- und Nachbehandlung mit Vitamin A und C kann der Effekt des Needlings noch verstärkt werden.
Ergebnisse und realistische Erwartungen
Micro-Needling ist kein Sofortverfahren. Die Haut benötigt Zeit, um ihre alten Strukturen ab und neuen Strukturen aufzubauen. Merkbare Verbesserungen zeigen sich typischerweise schrittweise über Wochen bis Monate und nehmen mit jeder weiteren Behandlung zu. Für ein nachhaltiges Ergebnis sind mehrere Needling Behandlungen notwendig. Je nach Indikation werden drei bis sechs Sitzungen im Abstand von etwa sechs Wochen bis drei Monaten durchgeführt. Wichtig ist eine realistische Erwartungshaltung – Ziel ist eine funktionelle und ästhetische Verbesserung der Narbe, nicht ihr vollständiges Verschwinden.

Foto: Dermaroller
Risiken und Sicherheit
Bei fachgerechter Durchführung gilt medizinisches Micro-Needling als sicheres Verfahren. Häufige und meist harmlose Nebenwirkungen umfassen Rötung, Schwellung, sowie vorübergehende Empfindlichkeit der Haut.
Im Vergleich zu ablativen Verfahren zur Narbenbehandlung, wie Laser-Resurfacing oder Dermabrasion, bei denen im Rahmen des „Abschleifungsprozesses“ die Oberhaut und Basalmembran der Haut verletzt werden können, bleibt beim medizinischen Micro-Needling die Hautoberfläche weitgehend erhalten, wodurch das Risiko für Hautausdünnung, Wundheilungsstörungen und dauerhafte Pigmentverschiebungen deutlich geringer ist. Durch ärztliche Erfahrung, sterile Arbeitsweise und sorgfältige Nachsorge lassen sich diese seltenen Risiken weiter minimieren.
Fazit
Medizinisches Micro-Needling stellt eine medizinisch und wissenschaftlich fundierte und schonende Behandlungsoption für Brandnarben dar. Richtig eingesetzt, kann es Narbenbeschwerden lindern, die Hautelastizität und -stabilität verbessern sowie das Erscheinungsbild der Narbe positiv beeinflussen. Entscheidend für den Behandlungserfolg sind eine individuelle ärztliche Beratung, Geduld und realistische Erwartungshaltung.
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