Der unsichtbare Feind
Chronischer Schmerz und was hilft
Von Dr. Med. Isabelle Lang-Rollin, KönigslutterChefärztin Klinik für Psychosomatik, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie


Foto: Adobe Stock/ Pixel-Shot
Vom Symptom zur eigenständigen Krankheit
Akute Schmerzen haben eine klare biologische Funktion: Sie warnen uns vor Gefahr und sorgen zum Beispiel dafür, dass wir die Hand nicht auf der heißen Herdplatte liegen lassen oder nicht mit einem gebrochenen Bein weiterlaufen. Bei chronischen Schmerzen hingegen verliert dieses Warnsystem seine Schutzfunktion. Der Schmerz „verselbständigt“ sich. Das sogenannte Schmerzgedächtnis führt bei wiederholten oder anhaltenden Schmerzen zu einer dauerhaften Überempfindlichkeit, sodass auch geringe Reize stärkere Schmerzen auslösen können. Das Nervensystem bleibt dadurch ständig in Alarmbereitschaft.
Medizinisch spricht man von chronischen Schmerzen, wenn sie länger als drei Monate anhalten oder immer wiederkehren. Besonders häufig betroffen sind Rücken, Gelenke, Kopf und Muskeln. Viele Betroffene erleben den Schmerz als unkontrollierbar und zermürbend – ein ständiger Alltagsbegleiter, der sich auf alle Lebensbereiche auswirkt.
Ein Fallbeispiel:
Herr S. und wie alles anfing
Herr S., 48 Jahre alt, war früher ein aktiver Mann. Er liebte das Dartspiel, seine beiden Kinder und seinen Beruf als Kfz-Mechatroniker. Nach einem Bandscheibenvorfall vor fünf Jahren begannen die Schmerzen im unteren Rücken. Die Operation verlief erfolgreich, doch der Schmerz blieb. Ärzte fanden keine neue Verletzung, keine Entzündung, keine erklärbare Ursache. Schmerzmittel halfen nur kurz, die Physiotherapie brachte kaum Linderung.
Mit der Zeit zog sich Herr S. zurück, schlief schlechter, wechselte beruflich ins Büro und ließ sich immer häufiger krankschreiben. Auch in seiner Familie zog er sich zunehmend zurück. „Niemand sieht, dass ich leide“, sagt er. „Manchmal glaube ich selbst nicht mehr, dass es jemals besser wird.“ Schließlich erhielt er die Diagnose: somatoforme Schmerzstörung – eine Form der chronischen Schmerzstörung, bei der psychische Faktoren eine wesentliche Rolle spielen.
Somatoforme Schmerzstörungen – Schmerz ohne klare Ursache
Bei der somatoformen Schmerzstörung steht der Schmerz selbst im Mittelpunkt, ohne dass eine ausreichende körperliche Erklärung gefunden wird, die man bei einer körperlichen, labormedizinischen oder radiologischen Untersuchung erkennen könnte. Das bedeutet nicht, dass sich Betroffene den Schmerz einbilden. Die Schmerzen sind real, sie entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren.
Häufig beginnt alles mit einer körperlichen Erkrankung oder Verletzung. Wird der Schmerz jedoch über Monate oder Jahre zum ständigen Begleiter, verstärken sich negative Gedanken („Ich halte das nicht mehr aus“), Ängste und Vermeidungsverhalten. Bemerkenswerterweise treten solche Schmerzstörungen häufiger bei Menschen auf, die in ihrem Leben schon ausgeprägte Erfahrungen von Ausgeliefertsein oder Überforderung gemacht haben. Zum Beispiel bei frühen Traumatisierungen oder wenn man schon sehr früh viel Verantwortung übernehmen musste. Auch aktuelle Schwierigkeiten im sozialen Umfeld können zu solch einer Entwicklung beitragen.
Eine somatoforme Schmerzstörung kann in jedem Alter auftreten. Besonders belastend ist, dass Betroffene sich oft unverstanden fühlen: Sie haben zahlreiche Untersuchungen hinter sich, hören aber immer wieder den Satz „Da ist nichts zu finden“. Dabei ist genau das das Problem – der Schmerz hat seine eigene Dynamik entwickelt. Was beim akuten Schmerz sinnvoll ist: Schonung, Rückzug, Medikamente, mündet nun in einen Teufelskreis. Aufgrund der Zermürbung durch die Symptomatik, den zunehmenden Rückzug, die Schlafstörungen entwickelt sich häufig obendrein noch eine Depression.
Schmerzen als Symptom bei anderen psychischen Störungen
Manchmal ist es auch andersherum. Es besteht eine psychische Störung, wie zum Beispiel eine Depression oder eine posttraumatische Belastungsstörung und in diesem Rahmen entstehen Schmerzen – im Zusammenspiel von Nervensystem, Hormonen, Gefühlen und Erinnerungen. Stress, Angst, Trauer oder Überforderung können das Schmerzerleben stark beeinflussen. Dies kann auf direktem Weg erfolgen – das Gehirn verarbeitet emotionale und körperliche Schmerzen in denselben Bereichen im Gehirn. Oder auch indirekt zum Beispiel durch eine erhöhte Muskelanspannung bei Stress. Ist die psychische Erkrankung erfolgreich behandelt, können die Schmerzen zusammen mit den anderen Symptomen auch abklingen.
Schmerzen bei chronischen körperlichen Erkrankungen
Anders ist die Situation wieder bei chronischen Schmerzen, die Begleiterscheinungen von körperlichen Erkrankungen sind – etwa bei Arthrose, Rheuma, Diabetes (Nervenschäden), Fibromyalgie oder Krebs. Hier besteht zwar eine körperliche Ursache, doch auch in diesen Fällen spielt die Psyche eine wichtige Rolle. Wer ständig Schmerzen hat, entwickelt leicht Ängste, Schlafstörungen oder depressive Verstimmungen. Diese wiederum verstärken die Schmerzempfindung – ein Teufelskreis entsteht. Hier haben natürlich auch soziale Faktoren einen Einfluss: So kann etwa der Verlust des Arbeitsplatzes oder fehlende soziale Unterstützung die Schmerzen verstärken.
Obwohl Schmerzen für jeden Menschen unangenehm sind, spielt der individuelle Umgang mit ihnen eine sehr wichtige Rolle für die Lebensqualität. Wer sich ständig nach dem Warum fragt, sich nur noch mit den Schmerzen beschäftigt und dabei alles andere vernachlässigt, hat häufig einen deutlich höheren Leidensdruck. Menschen, die es schaffen, trotz der Schmerzen ihrem Leben einen Sinn zu geben, sich zu engagieren und sozial verbunden zu bleiben, können ihrem Leben leichter noch etwas abgewinnen.
Wege aus dem Schmerz – ganzheitliche Behandlung
Eine erfolgreiche Behandlung chronischer Schmerzstörungen braucht Zeit – und ein Zusammenspiel verschiedener Methoden. Eine reine Schmerzmitteltherapie reicht in der Regel nicht aus oder kann sogar kontraproduktiv sein. Dafür können einige Antidepressiva bei regelmäßiger Einnahme das Schmerzerleben reduzieren.
Ein bewährtes Konzept ist die multimodale Schmerztherapie. Sie verbindet medizinische, physiotherapeutische und psychotherapeutische Ansätze. Ärzt:innen, Psycholog:innen, Physiotherapeut:innen und Pflegekräfte arbeiten gemeinsam mit den Betroffenen daran, den Schmerz zu verstehen, ihn zu kontrollieren und den Alltag wieder zu gestalten.
Psychotherapeutische Verfahren, vor allem die kognitive Verhaltenstherapie, helfen, negative Gedankenmuster zu erkennen und zu verändern und schmerzbedingte Teufelskreise zu durchbrechen. Betroffene lernen, mit dem Schmerz anders umzugehen, ihn weniger bedrohlich zu erleben und Aktivitäten wieder aufzunehmen. Auch Entspannungsverfahren, Achtsamkeitstraining oder Biofeedback können helfen, das Nervensystem zu beruhigen.
Körperliche Aktivität ist ein weiterer wichtiger Baustein: Ausdauertraining, gezieltes Muskeltraining und regelmäßige Aktivität wirken sich nachweislich positiv auf chronische Schmerzen aus. Dabei ist auch wichtig, ein gutes Gespür für die eigenen Grenzen zu erlernen und eine Balance zwischen Aktivität und Erholung zu finden: Den Schmerz nicht zu ignorieren, aber sich von ihm auch nicht alles verbieten zu lassen. Auch der soziale Kontakt zu anderen Betroffenen – etwa in Selbsthilfegruppen – kann entlasten und das Gefühl der Isolation verringern.
Leben mit, nicht gegen den Schmerz
Chronische Schmerzen verschwinden häufig nicht mehr vollständig. Doch viele Betroffene können lernen, besser mit ihnen zu leben – und dadurch an Lebensqualität zurückgewinnen. Ziel der Behandlung ist nicht immer völlige Schmerzfreiheit, sondern ein selbstbestimmtes Leben trotz Schmerz.
Herr S. hat nach einer längeren Reha und psychotherapeutischer Begleitung gelernt, anders mit seinen Schmerzen umzugehen. Heute arbeitet er in Teilzeit, macht regelmäßig Entspannungsübungen und unternimmt wieder gemeinsame Dinge mit seiner Familie. „Der Schmerz ist noch da“, sagt er, „aber er bestimmt nicht mehr mein ganzes Leben.“
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