Artikel erschienen am 01.03.2014
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Anmerkungen zu „Sonnenstrom“ und „Energiewende“

Von Dipl.-Kfm. Frank A. Becker, Braunschweig

Die Struktur der Energieversorgung „brennt den Bürgern auf den Nägeln“ und deren am meisten geschätzte regenerative Energie, nämlich die Photo-voltaik, läuft Gefahr, abgewürgt zu werden (Zubau in 2013: 40 % der vorangegangenen Jahre).

Einige Aspekte

Die dezentrale Energie „Photovoltaik“ ist Voraussetzung für private Elektromobilität, da bei Wohnhäusern regenerative Energie nicht aus Windkraft oder Biomasse generiert werden kann.

Die Photovoltaik ermöglicht bei Nutzung vorhandener Dachflächen die dezentrale, kleinteilige Produktion von Strom und dessen Eigenverbrauch, sie führt also weg von klassischen Großkraftwerken mit problematischen Stromtrassen.

Die Vergütung bei der Einspeisung des PV-Stromes ist bei etwa 0,12 Euro pro kWh angekommen, die Gestehungskosten des PV-Stromes liegen bei etwa 0,10 Euro pro kWh (beides je nach Anlagengröße). Damit hat der PV-Strom fast das Kostenniveau von Strom aus Kohle, Öl und Gas erreicht.

Mittlerweile sind die Kosten z. B. des Photovoltaikstromes so niedrig, dass die EEG-Umlage nicht mehr nennenswert gesteigert wird und die hohen Vergütungssätze von vor etwa 14 Jahren in den nächsten Jahren auslaufen werden.

Die Insolvenzen von Herstellern und Installationsbetrieben der in 40 Jahren mühsam aufgebauten PV-Branche hat etwa 70 000 Arbeitslose, den Untergang hunderter Millionen Euro Subventionen an den Produktionsstandorten und das „Abwandern“ milliardenteurer Patente und Rechte nach Asien, nämlich an die Übernehmerfirmen der insolventen deutschen Hersteller, zur Folge gehabt.

So fehlen auch deswegen Gelder für die Intensivierung von Forschung und Entwicklung der PV-Produkte, gerade der Speichersysteme, um Photovoltaik auch im Kontext der Elektromobilität wirkungsvoller werden zu lassen.

Photovoltaikstrom wird meist nur nach seinen Kosten beurteilt und fast nie gesamtwirtschaftlich betrachtet!

Dieser Fehler wurde auch beim Atomstrom gemacht: „Atomstrom kostet nur 0,04 Euro pro 1 kWh“. Dass das die reinen Produktionskosten eines abgeschriebenen AKWs sind und durch den Steuerzahler an die Atomindustrie von 1950 bis 2010 etwa 300 Mrd. Euro Subventionen (nämlich 82 Mrd. Euro staatliche Finanzhilfen, 112 Mrd. Euro Steuervergünstigungen, 100 Mrd. Euro staatliche Förderungen) gezahlt worden sind, dass mehrere Milliarden Euro Räumungskosten bei der „Asse“ anfallen, dass es jährlich viele Millionen Euro Bewirtschaftungskosten über etwa 40 Jahre erfordert, bis ein stillgelegtes AKW abgerissen werden kann (z. B. Hamm-Uentrop: 7 Mio. Euro pro Jahr), dass es Kosten der Zwischen- und Endlagerung, Kosten für das Haftungsrisiko bei Unfällen, Kosten für Castortransporte und Polizeieinsätze in Gorleben etc. gibt, bleibt oftmals unerwähnt.

Diese Denkfehler darf man bei der Beurteilung des Photovoltaikstromes nicht wiederholen.

Die gesamtwirtschaftlichen Vorteile der Photovoltaiktechnik sind u. a.:

  • Stärkung der Vermögenssituation der Betreiber von etwa 1,4 Mio. PV-Anlagen,
  • PV-Einkünfte für Hundertausende als sicherer Beitrag zur Altersfinanzierung,
  • ca. 100 000 Arbeitsplätze in der Zukunftstechnologie „Solarenergie“,
  • PV als „dezentrale Energieversorgung“ bedingt weniger Investitionen in Hochspannungstrassen von Offshore-Windparks zu den Verbrauchern,
  • Kappung von mittäglichen Lastspitzen und Spitzenkosten an der Leipziger Strombörse, daher Kostenreduktionen auch bei klassisch produziertem Strom (aufgrund des „Merit-Order-Effektes“ des PV-Stromes wird der Börsenstrompreis jährlich um etwa 4 Mrd. Euro entlastet),
  • Einsparung von Energieimporten von Kohle, Gas und Öl durch heimischen PV-Strom in Höhe von 2 Mrd. Euro pro anno,
  • Nutzung des günstigen PV-Stromes für den Betrieb von Wärmepumpen und damit Bedienung des größten Energiebedarfes, nämlich der Wärme-/Heizenergie.

Ferner:

  • Bei PV-Dachanlagen gibt es keinen Landschaftsverzehr wie bei Windkraftanlagen oder bei Maisfeldern für Biomasse.
  • Photovoltaik-Strom ist laut Umfragen die deutsche Lieblingsenergie und sie kennt keine Emissionen von CO² oder von Geräuschen.
  • PV ist mit Abstand die Technik mit der schnellsten jährlichen Preissenkungsrate; die Kosten haben sich in den letzten drei Jahren halbiert.
    Ohne Photovoltaikanlagen wird ein integriertes Konzept von Elektromobilität und regenerativem Strom im privaten Bereich nicht gelingen.
  • Selbstnutzer von PV-Strom entlasten das Energiewendekonto, da sie auf die EEG-Vergütung bei Einspeisung verzichten und gerade die gewerblichen Selbstnutzer aufgrund einer geringeren zu transportierenden PV-Strommenge dazu beitragen, dass der Netzausbau weniger umfangreich ausfallen kann.

Die Photovoltaiktechnik ist also ein wichtiger Teil des „Regenerative-Energien-Mix“.

Es ist wichtig, die Photovoltaik nicht durch eine starre Deckelung des jährlichen Zubaues von PV-Anlagen und durch eine zu hohe Kostenbelastung des Strom-Eigenverbrauches abzuwürgen.

Einige Anmerkungen zu der ins Stocken geratenen Energiewende

Warum wird in der öffentlichen Wahrnehmung davon ausgegangen, dass die Energiewende nichts kosten darf? Jede Umstrukturierung in Unternehmen und Organisationen ist mit Kosten verbunden, die dann sinnvoll sind, wenn am Ende ein positives Ergebnis entsteht. Dass die Energiewende dieses positive Ergebnis ökonomisch und ökologisch haben wird, ist wohl unstrittig.

Die monatliche Belastung eines durchschnittlichen Haushaltes für sämtliche regenerative Energien liegt bei etwa 16 Euro und wäre geringer, wenn nicht mittlerweile fast alle großen Unternehmen von der Umlage freigestellt wären und nicht Kosten in die Umlage eingerechnet würden, die nichts mit ihr zu tun haben.

Die viel gescholtene EEG-Umlage ist nur ein Bestandteil von acht, aus denen sich der Strompreis zusammensetzt. Warum verändert man nicht die anderen sieben Bestandteile?

Warum werden energieintensive Firmen komplett von der EEG-Umlage befreit? Sie könnten doch zumindest einen zumutbaren Anteil mittragen (z. B. Großkonzerne).

Warum werden die Kosten/Subventionen der Energiewende kritisiert und die staatlichen Hilfen für die Bereiche Gas, Kohle, Öl und Atom in der Zeit von 1950 bis 2010 in Höhe von etwa 600 Mrd. Euro klaglos hingenommen?

Warum bleiben die „verdeckten“ volkswirtschaftlichen Kosten der klassischen Energieträger bei deren Beurteilung unerwähnt (das sind 40 Mrd. Euro allein in 2012 für Finanzhilfen, Steuervergünstigungen und externe Kosten)? Wären diese Kosten nach der EEG-Methode auf die Stromverbraucher umgelegt worden, hätte das im Jahr 2012 eine Kostensteigerung der kWh um 10,20 Cent bedeutet.

Da die „heimische“ regenerative Energie weniger Importe klassischer Energieträger nötig werden lässt, reduziert sich auch unsere politische Abhängigkeit gegenüber den Lieferländern.

In dem Zusammenhang soll auch erwähnt werden, dass die Spätfolgen der CO²- und Cäsium-Emissionen der konventionellen Energien gigantische Kosten im Gesundheitswesen und über die Folgen der Klimaveränderung volkswirtschaftliche Schäden und Kosten in unglaublicher Höhe verursachen.

Der weitere Zubau von Kohlekraftwerken, gerade vor dem Hintergrund eines reformbedürftigen europaweiten CO²-Emmissionshandels, ist ökologisch und ökonomisch unklug. Der europaweite Handel mit billigen CO²-Emissionszertifikaten („Verschmutzungsrechte“) führt dazu, dass die durch die regenerative Energie in Deutschland eingesparten Millionen Tonnen CO² in anderen Ländern in die Atmosphäre abgegeben werden dürfen.

Fazit

Verfügbarkeitsschwankungen regenerativen Stromes sollten folglich nicht mit Kohlekraftwerken, sondern durch Gaskraftwerke ausgeglichen werden.

Klare, verlässliche Rahmenbedingungen, die endlich auch über einen längeren Zeitraum unverändert gelten, sind die Voraussetzungen für Investitionen in regenerative Energien und die erfolgreiche Vollendung der Energiewende.

Ein Verlangsamen der Energiewende macht volkswirtschaftlich, ökologisch und politisch keinen Sinn und wäre ein fatales Signal an andere Länder, die das Funktionieren unserer Energiewende als Voraussetzung für die eigene Energiewende ansehen.

Foto: panthermedia/soleilc1

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