Artikel erschienen am 10.05.2017
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Stadt der Zukunft und Mobilität von morgen

Wolfsburgs neues Stadtquartier Steimker Gärten

Von Dipl.-Ing. Arch., Dipl.-Des. Manuel Windmann, Wolfsburg

Dynamische Wohnungsmarktentwicklung am Automobilstandort Wolfsburg

Durch die dynamische Entwicklung Wolfsburgs ist frei verfügbarer Wohnraum sehr knapp geworden. Die tägliche Zahl der Einpendler bewegt sich mit etwa 78 000 seit Jahren auf einem konstant hohen Niveau. Eine Ursache für diese Pendlerströme sieht die Stadt Wolfsburg an fehlendem Wohnraum für eine breite Zielgruppe. Diese Verkehrsflüsse und der zunehmende Bedarf an Mobilität hinterlässt nicht nur in dieser Region seine Spuren: Der Druck auf die Städte, Emissionen und Energieverbräuche dauerhaft zu reduzieren, nimmt zu. Diesen Trend spüren vor allem wachstumsorientierte Metropolregionen, die nach Lösungen für die Zukunft suchen müssen. Ein wichtiger Baustein spielt dabei die Schaffung von mehr innerstädtischen Wohnraum. Deshalb hat die Wolfsburger Stadtverwaltung zusammen mit der Politik, den lokalen Wohnungsgesellschaften und weiteren Investoren die Wohnbauoffensive „Wolfsburg 2020“ ins Leben gerufen. Erklärtes Ziel von Oberbürgermeister Klaus Mohrs ist es, bis zum Jahr 2020 mindestens 6 000 zusätzliche Wohneinheiten zu schaffen. Einen wesentlichen Beitrag leistet dabei das Großprojekt Steimker Gärten. In Kooperation mit der Stadt Wolfsburg realisiert die Volkswagen Immobilien GmbH (VWI) im Osten Wolfsburgs das neue Stadtquartier Steimker Gärten in einer beeindruckenden Dimension mit ca. 1 250 neuen Wohneinheiten. Hier werden in den kommenden Jahren ca. 2 500 Menschen ihr neues Zuhause finden.

Attraktiver Wohnraum für eine breite Zielgruppe

In den Steimker Gärten entstehen neben Wohnbauflächen auch Handels- und Gewerbeflächen, eine Kindertagesstätte sowie eine Pflegeeinrichtung mit Betreutem Wohnen. Die Entwicklung eines neuen Stadtquartiers dieser Größenordnung mit allen notwendigen Infrastrukturen, wie der Erschließung, einer anspruchsvollen Freiraumgestaltung und einer Vielzahl innovativer Themenfelder, zeitnah zu entwickeln, kann nur über eine gut strukturierte Zusammenarbeit mit entsprechenden Akteuren erfolgen. Um die unterschiedlichsten Interessen erfolgreich in einem Projekt zusammenzuführen, müssen auf den verschiedenen Ebenen permanente Projektstrukturen aufgebaut werden.

Wie kann dieser Schulterschluss gelingen?

Auf der Leitungsebene ist in der frühen Projektphase eine Lenkungsgruppe eingesetzt worden, die durch themenbezogenen Arbeitsgruppen unterstützt wird. Hier werden Fragen zu Verkehrs- und Energiekonzepten, städtebaulichen Gestaltungsvorgaben und Innovationen wie bspw. eine flächendeckende Ladeinfrastruktur für Elektromobilität erörtert. Allen voran braucht es bei einer solchen urbanen Weiterentwicklung den Mut, gemeinsam an einem Strang zu ziehen – dies spürt man hier in Wolfsburg sehr deutlich. Das zeigt sich auch am Engagement der Volkswagen AG, die die Chance in dieser Stadtentwicklung sieht, Mobilitätslösungen von morgen in einer Art „FutureLab“ in den Steimker Gärten zu testen.

Wie lässt sich nachhaltiger Städtebau realisieren?

Mit den Steimker Gärten entsteht ein zukunftsorientierter und lebenswerter Stadtteil, der für seine Menschen und für eine lebendige Nachbarschaft konzipiert wird. Ein Ort, an dem sich ganz unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen wohlfühlen und miteinander ins Gespräch kommen können. Daran orientieren sich die Quartiersplanung, die Architektur der Gebäude und der ausgewogenen Typologiemix sowie das effiziente Gesamtenergiekonzept und die innovativen Mobilitätsangebote.

Für die Gestaltung des öffentlichen Raumes, aber auch der privaten Freiflächen sowie der Gebäude werden in einem Gestaltungshandbuch für das Baugebiet Steimker Gärten Vorgaben gemacht. Es soll sichergestellt werden, dass trotz der hohen Dichte ein hochwertiges Leben und Wohnen ermöglicht wird.

Das Plangebiet befindet sich am Rand der Innenstadt von Wolfsburg, in Sichtweite zu den Stadtteilen Steimker Berg, Hellwinkel und Reislingen-West. Insoweit ist es an die Kernstadt angebunden und fügt sich in das Konzept der „grün gegliederten Stadt“ ein, nachdem Siedlungseinheiten in landschaftliche Freiräume und Grünflächen eingebettet werden. Das neue Stadtquartier besteht aus mehreren kleineren Nachbarschaften, die miteinander in Verbindung stehen. Diese sind so aufgebaut, dass sie jeweils ihre eigenen kleinen Zentren erhalten, die wiederum an die öffentlicheren Bereiche, wie die Promenade angebunden sind. Untereinander sind die Nachbarschaften durch eine interne Wegführung verbunden, eine zentrale Grünverbindung stellt zusätzlich den Bezug zum attraktiven Landschaftraum her. Diese planerischen Strukturen fördern ein aktives Miteinander und den Austausch.

Einbindung von Landschaftsräumen und vorhandenen Ressourcen

Regenwasser ist eine wichtige Ressource. Der nachhaltige Umgang mit dieser Ressource stellt ein wichtiges Element im Zusammenhang mit dieser Gebietsentwicklung dar. Öffentliche Grünräume greifen fingerförmig in das Stadtquartier und gliedern dieses in acht übergeordnete Baufelder. Diese wohnungsnahen Grünräume bieten Raum für Spiel und Erholung und dienen parallel dem Entwässerungskonzept. Die oberflächennahe Ableitung des Regenwassers fördert ein angenehmes Mikroklima. Die flachen Entwässerungsrinnen auf den Straßen führen bei Regen Wasser und laden damit Kinder zum ausgiebigen Planschen und Spielen ein, denn auch Spaß ist eine wichtige Ressource.

Der Vorteil effizienter Gebäude

Eine gut geplante städtebauliche Struktur unterstützt eine gute Durchlüftung des Quartiers und sichert eine gute Belichtung der Gebäude. Hierfür wurden bereits in der Konzeptphase Verschattungs- und Windstudien erstellt. Sinnvolle Vorgaben für die Freiräume und die Hochbauvorhaben sichern die besondere Lebensqualität und bieten einen Vorteil gegenüber konventionellen Gebäuden. Volkswagen Immobilien selbst wird als Bauherr seine Neubauten nach dem Blue-Building-Standard entwickeln. Dieser stellt u. a. einen geringen Primärenergiebedarf, geringe CO2-Emissionen und damit geringe Energiekosten sicher. Die Anforderungen aus dem Blue-Building sichern ebenso ein gutes Raumklima und eine Barrierefreiheit. Über die Smart-Home-Technologie wird es zudem möglich sein, bestimmte technische Anlagen in den Wohnungen per App zu steuern und zu überwachen. So kann während der An- und Abwesenheit die Beleuchtung gesteuert werden, womit auch der Einbruchschutz erhöht werden kann. Durch diese automatisierte Haustechnik kann man sich den individuellen Energieverbrauch jederzeit aufzeigen lassen und nachsteuern, die Gebäude werden somit umwelt- und bewohnerfreundlich zugleich.

Ausblick: Automobil und Immobilie wachsen zusammen

Die Volkswagen AG und die Stadt Wolfsburg haben Anfang Dezember letzten Jahres eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding) unterzeichnet, um die digitale Transformation am Konzernhauptsitz gemeinsam und systematisch zu gestalten. Im Fokus stehen dabei der Arbeitsplatzerhalt und -aufbau sowie die Standortattraktivität und damit die Zukunftsfähigkeit der Stadt. Dazu zählen in erster Linie der Ausbau der digitalen Infrastruktur, die Verbesserung der Lebensqualität durch bürgernahe digitale Angebote, die Zukunftssicherung des Wirtschaftsstandortes durch digitale Geschäftsfelder sowie die Schaffung neuer Mobilitätsangebote und der Ausbau der Elektromobilität.

Diese Entwicklung stellt eine einzigartige Chance dar, einen integralen Ansatz bereits in der städtebaulichen Konzeption zu verfolgen. Der Begriff „Smart Mobility“ steht in diesem Zusammenhang für eine intelligente Verbindung und Nutzung bestehender Mobilitätsangebote, wie die Nutzung von E-Cars, E-Bikes und dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Ergänzt werden diese Angebote durch ein öffentliches Car- und Bikesharing, private und öffentliche Ladestationen für E-Mobilität, Vorhaltung von Fahrradständer, intelligente Parkkonzepte sowie die Vernetzung der Leitsysteme.

Innovative Mobilitätskonzepte sind sowohl von einer nachhaltigen Energieversorgung als auch der Bereitstellung von Ladeinfrastruktur abhängig. Diese Aspekte sind in die Planungen der Steimker Gärten eingeflossen. Mit einer großflächigen Photovoltaikanlage, eingebunden in das eigene Arealnetz der Steimker Gärten sowie der Integration von privater Ladeinfrastruktur und Batteriespeicherung in den Tiefgaragen entsteht ein Testfeld, in dem neue Technologien, Innovationen und Geschäftsmodelle geprüft und weiterentwickelt werden können und damit das Quartier „e-ready“ machen.

Innovationen in den Steimker Gärten

Geplante Forschungsschwerpunkte sind hier die die Untersuchung von realen Nutzungsmustern in einem digitalisierten Umfeld, Synergien im Netzbetrieb und eine optimierte Infrastruktur. Der Einsatz von dezentralen Batteriespeichern in der Wohnungswirtschaft soll in einem langfristig ausgelegten Monitoring evaluiert werden.
Das sind alles Visionen, die bereits begonnen haben, sich zu entfalten. Mit dem Start der ersten Hochbauten in den Steimker Gärten werden ab Sommer 2017 die Planungen dann schon sichtbarer.

Bilder: Lageplan Steimker Gärten: Entwurf Brederlau + Holik / Braunschweig, Freiraumplanung Ramboll Studio Dreiseitl / Überlingen
Visualisierung: Ramboll Studio Dreiseitl / Überlingen

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