Artikel erschienen am 25.07.2019

Das Fachwerkhaus – Tradition mit Zukunft

Von Dipl.-Betriebswirt (FH) Tim Petereit, Braunschweig

Häuser mit sichtbarem Holzbalken-Skelett sind wieder in Mode. In Norddeutschland feiert das Fachwerk derzeit gerade eine unerwartete Wiedergeburt. Die Bewohner loben vor allem zwei Vorteile. Passanten bleiben immer wieder staunend vor einem neu gebautem Fachwerkhaus stehen und es erfreut die Bewohner immer wieder zu hören, wie schön ihr Haus doch sei. Und das hört jeder Hausbesitzer gerne. Die Menschen scheinen gerne schön hergerichtete Fachwerkhäuser mit Ihren Ecken, Winkeln, Sprossen- und Rundbogenfenster zu sehen.

Auch hier in Niedersachsen erlebt das neue Fachwerkhaus nach traditionellem Vorbild eine Renaissance. Es ist auch eine der Regionen, in der diese Art des Bauens eine besonders lange Tradition hat. In dem Markt, der sich gebildet hat, treffen vor allem Fachwerkliebhaber auf Anbieter, deren Bauhandwerker noch mit alten Handwerkstechniken und lokalen Baustoffen vertraut sind, und die Häuser bauen können, die so zeitlos wirken, als wären sie schon immer da gewesen und man wäre mit Ihnen aufgewachsen.

Ihre Urahnen haben in der Tat eine lange Geschichte. Schon seit der Jungsteinzeit zählten in ganz Mitteleuropa Lehm, Holz und Stroh zu den Grundstoffen, die beim Bau zum Einsatz kamen. Das Holz diente für die Gebäudekonstruktion und das Dach, mit Lehm, Weidenruten und Stroh wurden die Wände aufgebaut, und das Stroh kam noch einmal bei der Bedachung zum Einsatz. Das älteste datierte noch bestehende Fachwerkhaus Deutschlands steht in Braunschweig im Magniviertel und ist aus dem Jahr 1432. In nennenswerter Anzahl erhalten geblieben sind allerdings erst Gebäude mit Baujahr ab ca. 1700.

In der Nachkriegszeit war es um die alten Fachwerkhäuser nicht gut bestellt. Landwirtschaftliche Nutzgebäude wurden durch moderne Industriegebäude ersetzt, die alten Wohnhäuser abgerissen. Oft wurden alte Fachwerkhäuser in den vergangenen 30 Jahren abgerissen, weil sie nicht fachgerecht und mit ungeeigneten, modernen Baustoffen wie etwa Kunststofffarben oder -putzen renoviert wurden, was häufig irreparable Schimmel- und Feuchtigkeitsschäden nach sich zog.

Gegen diesen baukulturellen Frevel formierte sich in den 1970er-Jahren eine Fachwerkszene, die in erster Linie aus Liebhabern bestand. Viele von ihnen begannen, die zahlreichen lieblos sanierten Häuser auf dem platten Land behutsam in ihren Ursprungszustand zu versetzen. Bis die Nachfrage wuchs und das Angebot an geeig­-
neten Fachwerkhäusern immer geringer wurde.

In den 1990er-Jahren gründeten sich die ersten neuen Hausbaufirmen, die sich auf das traditionelle Fachwerk spezialisiert haben. Das Faible fürs Fachwerk ist aber auch ein Versuch, sich stärker mit der Region zu identifizieren, einen Rückzugsort in globalisierten Zeiten zu finden, in einem Haustypus, der über Jahrhunderte die Hauslandschaften hierzulande bestimmt hat. Zur ganzheitlichen Bau- und Wohnkultur gehört es, nach der Fertigstellung in einem Gebäude zu leben, dessen Materialien weitgehend aus der Region kommen.

Das Eichenholz wird hauptsächlich aus der heimischen Region verwendet. Gleiches gilt für die Ziegel, die für die sog. Ausfachung verwendet werden. Ausgeführt wird so ein Bauwerk von echten Handwerkern, die die Regeln der Baukunst der Fachwerkhäuser noch von der Pike auf gelernt haben.

Energetisch stehen die neuen klassischen Holzskelettbauten der massiv errichteten Konkurrenz in nichts nach. Mit im Regelfall ökologischen Dämmsystemen und modernen Heizsystemen wie etwa Wärmepumpen oder Pelletheizungen erfüllen sie die Anforderungen der aktuellen Energie-Einsparverordnung (EnEV). Auch Plusenergiehäuser, die mehr Energie generieren, als sie verbrauchen, sind im modernen Fachwerkhaus gut möglich.

Die verwendeten Materialien wie etwa Holz, Ziegelstein, Lehm- oder Kalkzementputze regulieren den Feuchtigkeitshaushalt optimal und sorgen zudem für ein gesundes Raumklima.

Die Atmungsaktivität in einem aus rein biologischen Baustoffen errichteten Haus ist schlichtweg höher als in einem Haus, das mit chemischen Zusätzen gebaut wird. Ein weiterer Effekt dieses Materialmixes ist, dass ein Fachwerkhaus im Sommer angenehm kühl und im Winter angenehm warm bleibt.

Einen Wermutstropfen hat das Fachwerkhaus allerdings. Es ist teurer als ein Massivhaus.Zum einen ist der Grundpreis schon höher als bei einem Massivhaus. Ein 150 m² Fachwerkhaus kostet schlüsselfertig zwischen 350  000 – 450 000 Euro.

Dann möchten die Bauherren gerne ein großes Haus, wie ein altes Bauernhaus. So kommen oft Wohnflächen zwischen 250 – 400 m² zustande. Und dann besteht nicht nur die Fassade alleine aus Naturmaterialien. Beim Innenausbau wird an hochwertigen Materialien wie Holzdielen, speziellen Fliesen, hochwertigen Spachteltechniken oder einem Grundofen mit Kachelverzierung nicht gespart.

Aber das scheinen die Besitzer für ihr Stück Heimat gerne zu bezahlen.

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