Artikel erschienen am 11.12.2015

Der Gemeinschaft etwas zurückgeben

Zusammen schaffen Bürger eine Perspektive für ihre Stadt

Von Ulrich E. Deissner, Braunschweig

Eine Bürgerstiftung ist in der Stiftungslandschaft ein seltsames Konstrukt. Menschen, die sich im Idealfall persönlich kennen, schließen sich zusammen und gründen eine Stiftung – und das entgegen der Konvention mit wenig Startgeld. Was wollen diese unverbesserlichen Idealisten? Sie alle wollen in ihrem direkten Umfeld etwas verändern, etwas verbessern. Zusammen wollen sie eine Zukunftsperspektive für ihre Stadt oder die Region, in der sie leben, schaffen. Ziel ist es, das direkte Lebensumfeld zukunftsfähig zu gestalten.

Bürgerstiftungen gibt es seit 1996 in Deutschland. Im Jahr 2003 begann die Geschichte der Bürgerstiftung Braunschweig, die sich an manchen Stellen wie ein Märchen liest. Rund 100 Bürger haben sich am
18.09.2003 zusammen gefunden und die Stiftung gegründet. Das Startkapital betrug rund 150 000 Euro.

Mit der Idee „Auf dem Weg zum Buch – Leseförderung in Braunschweiger Schulen“ startete bereits im Frühjahr 2004 das erste operative Projekt. Ehrenamtliche Lesepaten gehen in Schulen und animieren die Kinder zum Lesen, stehen für die Beantwortung von Fragen zur Verfügung und schenken – teilweise als Eltern- oder Großelternersatz – einfach Zeit. Die Schulen richten dafür mit finanzieller Unterstützung der Stiftung gemütliche Leseräume ein und können jedes Jahr neue Bücher anschaffen. Heute läuft das Projekt an 34 Schulen und 28 Kitas in Braunschweig. Rund 190 Lesepaten sind regelmäßig – mindestens einmal pro Woche – im Einsatz. Bausteine wie das „Mehrsprachige Bilderbuchkino“ in der Stadtbibliothek oder die Rucksack-Bibliothek „LEsel unterwegs“ für Kitas sind hinzugekommen und ergänzen das Angebot. Neben diesem personal- und kostenintensivsten Geflecht werden rund weitere 80 Projekte pro Jahr in den Bereichen Bildung, Erziehung, Integration, Gewaltprävention, Natur, Umwelt, Sport, Gesundheit, Kunst, Kultur und Mobilisierung bürgerschaftlichen Engagements gefördert.

Netzwerker für Menschen

Neben den aktuellen – mit aktivem Einsatz verbundenen – Projekten an Schulen und Kitas zu Themenbereichen wie Mathematik, Musik, Theater, aber auch Studien- und Berufsorientierung, sieht sich die Bür-
gerstiftung Braunschweig auch als Drehpunkt und Netzwerker für Menschen, die der Gemeinschaft etwas zurückgeben wollen. Ein „lebendes Netzwerk“ gab es daher anlässlich des
10. Geburtstags der Bürgerstiftung 2013 auf dem Burgplatz.

Geben oder zurückgeben kann man vor Ort in Form von Zeit, Ideen oder Geld. Wer nicht einfach nur stiften oder spenden möchte, um ein bestimmtes Thema direkt und unkompliziert zu unterstützen, entscheidet sich zur Gründung einer eigenen (Treuhand-)Stiftung.

Qualitätssiegel

So ist in den vergangenen Jahren die Dienstleistungsseite der Bürgerstiftung Braunschweig enorm gewachsen. Im Oktober 2015 wurden bereits 30 Treuhandstiftungen und zwei selbstständige Stiftungen verwaltet. Eine besondere Auszeichnung kam im April 2015 dazu: Das Qualitätssiegel für gute Treuhandstiftungsverwaltung wurde den Braunschweigern vom Bundesverband Deutscher Stiftungen verliehen. Für das Qualitätssiegel gelten strenge Vergabekriterien, die u. a. die Integrität des Treuhänders, Transparenz und die Vermeidung von Interessenkonflikten beleuchten.

Daneben trägt die Bürgerstiftung Braunschweig seit 2004 kontinuierlich das Gütesiegel für Bürgerstiftungen des Bundesverbands Deutscher Stiftungen und hat bereits 2010 die Selbstverpflichtungserklärung der Initiative Transparente Zivilgesellschaft (Transparency International) unterzeichnet.

Stiftung Hilfreich

Die Motivation für die Gründung einer Treuhandstiftung kann sehr persönlich sein, wie die Geschichte hinter der Stiftung Hilfreich zeigt: Gertrud Katharina Pöhl war für ihre Nichte Ingrid Ortmann immer eine Vertrauensperson an ihrer Seite. Ihr Leben lang waren sich die beiden sehr nahe, verbunden durch ein enges familiäres Band. Als Gertrud Pöhl aufgrund zunehmender gesundheitlicher Probleme im stattlichen Alter von 90 Jahren langsam die Lebenskraft verließ, machten sich beide Gedanken, wie man das zu hinterlassende Vermögen von „Tante Trudel“ für wohltätige Zwecke einsetzen könnte. Beide entschieden sich für die Gründung einer Stiftung, die sich mit den Dingen, die ihnen am Herzen lagen – nämlich Jung und Alt zusammenzubringen –, beschäftigen sollte.

Fazit

Eine Bürgerstiftung ist für jeden da, der ZEIT, GELD oder IDEEN stiften bzw. spenden möchte. Wichtig ist das Engagement in der eigenen Stadt. Zusammen können die Menschen dann der Gemeinschaft etwas zurückgeben oder eine Zukunftsperspektive schaffen. Eine Bürgerstiftung ist als Treuhänder direkt vor Ort und Ansprechpartner. Synergien zwischen einzelnen Treuhandstiftungen und dem Treuhänder können geschaffen werden, um verbindende Projekte zu realisieren.

Fotos: Marek Kruszewski, Stiftung Hilfreich

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