Artikel erschienen am 01.03.2024
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China – Abhängigkeit der Industrie in Deutschland / Baden-Württemberg

Von Christian Kunz, Stuttgart | Theo-Philo Rempel, Stuttgart

Die sich verändernden Rahmenbedingungen lassen sich aktuell global und national beobachten. Ein genauer Blick auf die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt – China – ist daher empfehlenswert.

Foto: Adobe Stock / Maksym Yemelyanov

Oft wird darauf verwiesen, dass wir uns in einem Zeitalter der Zwischenordnung befänden, in der die Strukturen der alten Weltordnung noch existieren, jedoch nicht mehr für ausreichend Stabilität und Sicherheit sorgen. Es lassen sich viele grundsätzliche strukturelle Veränderungen erkennen: So können sich beispielsweise liberale Demokratien und marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnungen vielerorts nicht durchsetzen und die Anzahl der Autokratien weltweit nimmt zu. Im Umkehrschluss lassen sich Wirtschafts- und Sicherheitsfragen nicht mehr voneinander trennen. Immer häufiger werden wirtschaftliche Abhängigkeiten und asymmetrische Netzwerkstrukturen durch Staaten bzw. deren Machthaber strategisch instrumentalisiert. Die Selbstwahrnehmung der USA und Europas, als „globaler Motor und Garant“ der politischen, soziokulturellen und wirtschaftlichen Fortschritte sowie Stabilität gerät ins Wanken.

Einfluss von China

Chinas zunehmender globaler Einfluss zeigt sich dabei als einer der entscheidenden Faktoren für solch einen Veränderungsprozess. Chinesische Politiker und Akteure beeinflussen zunehmend die Weltpolitik und verfolgen dabei eine Vision, die vom politischen System klar formuliert wurde: China will der gesamten Weltordnung seinen chinesischen Stempel aufdrücken und eine globale Gemeinschaft – nach Möglichkeit unter starker chinesischer Führung – aufbauen. Die globale chinesische Entwicklungs-, Sicherheits- und Zivilisationsinitiative sollen diese Ziele langfristig erreichen. Die Ziele der chinesischen Sicherheitsinitiative lassen erkennen, dass diese die chinesische Vision einer Sicherheitsreform des aktuellen UNO-Systems als Grundlage hat. Der Schwerpunkt liegt vornehmend darauf, sich von der kollektiven Sicherheitsvorstellung der USA abzugrenzen. Die chinesische Zivilisationsinitiative zielt hingegen auf eine Distanzierung von bestehenden Narrativen, z.B. Demokratie vs. Autokratie, ab und fokussiert sich auf eine Toleranz und einer Koexistenz zwischen verschiedenen politischen Systemen und Wirtschaftsordnungen.

Veränderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in China

Die politischen Eliten sind bestrebt, Veränderungen vorzunehmen, welche jedoch die Vorherrschaft der kommunistischen Partei weiter stärken. Das vielleicht größte Anliegen der Gesellschaft, die Bekämpfung der Korruption in China, führte durch die Umsetzung der Anti-Korruptions-Kampagne zu einigen Veränderungen im System. Während die Korruption auf der einen Seite zur Bereicherung einzelner Personen geführt hatte, stabilisierte sie auf der anderen Seite das politische System wahrnehmbar. Diesen Effekt bekommen aktuell deutsche Unternehmen zu spüren, da beispielsweise langjährige Partner aus der lokalen Politik entfernt wurden und als Ansprechpartner verloren gingen.

Das politische Ziel des „Erreichens eines gemeinsamen Wohlstands“ führte zu schärferen Vorschriften für ganze Wirtschaftssektoren und somit hohem bürokratischen Aufwand. Dies führt nicht nur zu Verunsicherung, sondern verstärkt wiederum die Abhängigkeit von der Zentralregierung in Peking und kann zusätzlichen Wettbewerb auf dem chinesischen Markt einschränken.

Weitere Veränderungen ergeben sich durch eine neue strategische Ausrichtung der Wirtschaftspolitik: Nach den Erfahrungen der Corona-Pandemie, während der sich auch in China selbst erhebliche Liefer- und Produktionsschwierigkeiten einstellten, soll eine sog. Zwei-Kreislauf-Strategie unter anderem den Binnenmarkt stärken. Dies wird von vielen Experten jedoch als herausfordernd angesehen, denn China steht vor verschiedenen Problemen, wie etwa einer hohen Jugendarbeitslosigkeit und einer weiter steigenden Sparquote. Beide Faktoren beeinflussen den Binnenmarkt und verstärken in der Bevölkerung Zweifel, ob die angedachte Strategie wie gewünscht umgesetzt werden kann. Inwieweit eine solche Ausrichtung die Wettbewerbsbedingungen im Land nachhaltig verändert, bleibt abzuwarten.

China-Strategie der Bundesregierung

Die deutsche China-Strategie der Bundesregierung wurde bereits im Koalitionsvertrag als Ziel formuliert und stellt sich als ein sehr umfassendes Thema dar: Wirtschaftspolitik, Sicherheitsfragen und geopolitische Erwägungen und Entwicklungen spielen darin eine Rolle. Als gemeinsame Arbeit aller Ressorts und vor der Problematik die angedachte Neuausrichtung ohne eine zusätzliche Belastung des Haushalts zu erreichen, lässt sich die Strategie kompakt zusammenfassen: Ziel soll es sein, „China zu integrieren“. Dies beinhaltet beispielsweise, keine gesonderten Regelungen oder Leitlinien zu verfassen, sondern China in das verabschiedete Lieferkettengesetz oder in eine neue Rohstoffpolitik einzubetten. Zudem wird insbesondere das übergeordnete Ziel verfolgt, die Abhängigkeit von China in verschiedener Hinsicht zu reduzieren. Dies geht mit einer Stärkung des deutschen Binnenmarkts und einer Diversifizierung wirtschaftlicher und politischer Partner einher.

Was bedeutet dies nun für den Mittelstand?

In Baden-Württemberg sind mindestens 50% aller Industriefirmen auf Vorprodukte aus China angewiesen. Aus Sicht der Finanzierer ist hierbei die Betrachtung des generellen damit verbundenen Risikos wichtig. Der Aufbau eines adäquaten Risikomanagements ist – auch für einen Mittelständler – empfehlenswert.

Des Weiteren wissen viele Firmen oft nicht, was mit ihrem Produkt geschieht bzw. wohin es geliefert wird. Schnell werden Unternehmen heute bezichtigt, Güter zu produzieren oder zu finanzieren, die ggfs. in einen Krieg involviert sind oder internationale Sanktionen umgehen. Daher ist die Transparenz über die Lieferketten eine sehr wichtige Angelegenheit. Aus einer Abhängigkeit von China herauszukommen, bedeutet nicht, das Land zu verlassen. Vielmehr ist der Aufbau von weitgehend unabhängigen Lieferketten entscheidend. Ein weiteres wichtiges Thema ist die Technologieführerschaft der deutschen Wirtschaft: Insbesondere als global agierender Mittelständler sollten alle strategischen Überlegungen darauf ausgerichtet sein, die Entwicklungskapazitäten so zu fokussieren, damit eine Technologierführerschaft erhalten bzw. angestrebt werden kann, um dann zusätzlich ein adäquates Risikomanagement hierfür zu etablieren. Ein Technologietransfer nach China sollte sehr kritisch hinterfragt werden und eine Investition in China vor diesem Hintergrund diskutiert werden. Gegebenenfalls könnte ein gewisses Umdenken erfolgen und eine Umkehr dieses Trends bewirkt werden, z.B. über den Transfer von chinesischen „Talenten“ nach Europa, da nicht alle gut ausgebildeten Arbeitnehmer in China mit dem politischen Umfeld zufrieden sind. Gleichzeitig wäre es wünschenswert, insbesondere europäischstämmige Mitarbeiter mit chinesischen Sprachkenntnissen auszustatten und an entscheidende Schlüsselpositionen bei europäischen Firmen in deren China-Engagement zu rekrutieren. Auf diese Weise schaffen deutsche Firmen operativ eine Emanzipation von „chinesisch“ geführten Headquarters und Auslandabteilungen.

Fazit und Ausblick

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die sich verändernden Rahmenbedingungen in Deutschland, in der EU, in China bzw. der ganzen Welt keine direkte Bewältigung einzelner Probleme mehr ermöglichen und vielmehr ein „Management von Risiken“ im Fokus der Handelnden stehen sollte. Dies wird durch die nur schwer vorhersehbaren Entwicklungen in China zusätzlich verstärkt.

Für Unternehmen bedeutet dies, sich bewusst zu werden, dass diese Konstellation noch mehr Verantwortung für das eigene Wohlergehen bei den Unternehmen selbst liegen wird und eine Unterstützung von dritter Seite nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden sollte. Zudem wird es immer mehr Konflikte der unterschiedlichen Compliance-Vorgaben in Deutschland bzw. der EU mit China geben. Kurz gesagt: Es wird mehr China-Kompetenz benötigt – in der Politik aber vor allem auch in den Unternehmen selbst.

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