Artikel erschienen am 12.09.2016
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Chronische Wunden

Hilfe durch koordinierte und interdisziplinäre Behandlungskonzepte

Von Dr. med. Karsten Glockemann, Langenhagen

In Deutschland leiden fast 3 Mio. Menschen an Wunden. Der Großteil dieser Wunden lässt sich heutzutage dank der modernen Wundversorgung binnen 8 Wochen zur Abheilung bringen. Doch für knapp ein Drittel dieser Wunden kann dieses Ziel noch nicht erreicht werden. Sie heilen trotz einer entsprechenden Therapie nicht zeitgerecht ab. Man spricht hier von chronischen Wunden.

Eine Ursache dafür ist, dass die Wunden selbst oft nur das Symptom einer oder gar mehrerer Grunderkrankungen darstellen. Meist handelt es sich hierbei um das sogenannte offene Bein, das Ulcus cruris, Wunden an den Füßen im Rahmen einer Zuckererkrankung sowie Wunden durch bestehende Durchblutungsstörungen, aber auch durch Bakterien infizierte Operationswunden. Daher steht neben der Behandlung der Wunde selbst auch eine umfangreiche Therapie der zugrunde liegenden Erkrankung eine zentrale Rolle.

Wichtig ist hierbei eine fachgruppenübergreifende, also interdisziplinäre Zusammenarbeit. Auch eine enge Verzahnung zwischen dem ambulanten und stationären Bereich ist unabdingbar für eine erfolgreiche Therapie, um unnötige Therapiepausen, die oft mit Rückschlägen in der Behandlung verbunden sind, zu vermeiden.

Es hat sich bereits sehr früh in der Versorgung chronischer Wunden herausgestellt, dass eine optimale und kostensenkende Therapie eine Struktur der Vernetzung mehrerer Fachdisziplinen voraussetzt, die das Fundament der Behandlung darstellt. Nicht zuletzt bedarf es fachübergreifender Behandlungskonzepte, um der weltweit stetig steigenden Zahl an Wundinfektionen mit multiresistenten Bakterien entschlossen entgegen zu treten. Dies ist eine der Herausforderungen für das 21. Jahrhundert, der sich die moderne Wundbehandlung stellen muss.

Ziel der Behandlung sollte es sein, durch eine frühe koordinierte Zusammenarbeit, gezielte Diagnostik und Therapie zu einer Senkung der immer noch viel zu hohen Zahl an oft vermeidbaren Amputationen in Deutschland maßgeblich beizutragen. Zur Behandlung des diabetischen Fußsyndroms gehört daher – neben der modernen Wundversorgung – auch immer die Vor- und Nachsorge der Patienten. Denn eine Wunde, die gar nicht erst entsteht, muss auch nicht kostenintensiv behandelt werden. Eine begleitende koordinierte Kontrolle durch mitversorgende Diabetologen, Wundmanager, Pflegedienste, Podologen und Orthopädietechniker ist daher unabdingbar. Aber auch die Schulung des Patienten selbst und seiner Angehörigen gehört in ein modernes Behandlungskonzept.

Leider verhindern aber auch heute noch oftmals alte und festgefahrene Strukturen in der Medizin eine schnelle und umfassende Therapie. Viele Patientinnen und Patienten werden leider noch immer erst sehr spät in ein koordiniertes Behandlungskonzept überwiesen.

Fachliche Netzwerke können den Erfahrungsaustausch fördern, das Handeln aller Beteiligten zum Wohl der Patienten verbessern und Selbsthilfegruppen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Eine strukturierte Fortbildung aller Berufsgruppen, die sich mit der Wundversorgung beschäftigen, ist wichtig, um Behandlungsstandards breit zu etablieren und gemeinsam die Herausforderung einer interdisziplinären, professionellen Wundversorgung zu bewältigen.

Das alte Sprichwort „Wunde kann jeder“ trifft wohl so nicht mehr zu, sondern vielmehr kann jeder ein Stück zur Behandlung von chronischen Wunden auf seinem Fachgebiet beitragen.

Bild: Fotolia/Zonda

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