Artikel erschienen am 07.08.2023
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Essstörungen

eine unterschätzte Erkrankung

Von Marie-Caroline Hammerer, Königslutter

Essstörungen, die so ausgeprägt sind, dass eine medizinische Behandlung notwendig ist, haben in letzter Zeit deutlich zugenommen. Als Essstörungen werden Erkrankungen zusammengefasst, die im Rahmen psychischer und psychosozialer Störungen zu pathologischen Veränderungen des Essverhaltens, der Hungersättigungsregulation und der Gewichtsregulation führen.

Die Covid-19-Pandemie hat mit den Einschränkungen und Veränderungen im privaten und öffentlichen Bereich einen sehr großen Einfluss auf die psychische Gesundheit. Aktuelle Daten zeigen einen dramatischen Anstieg der psychischen Belastungen in der Allgemeinbevölkerung in Deutschland. Jeder von uns reagiert auf emotionale und psychische Belastungen in dieser Krise unterschiedlich und es existieren verschiedene Kompensationsmechanismen. Zu den besonders vulnerablen Gruppen gehören Menschen mit Essstörungen, die diese Belastungen nicht ausreichend kompensieren können.

Die Covid-19-Pandemie
beeinflusst allerdings nicht
nur die Entstehung von
Essstörungen, sondern auch
die Therapiemöglichkeiten.

Die Zahl der statiotär behandlungsbedürftigen Essstörungen ist seit Beginn der Covid-19-Pandemie der DAK-Studie zufolge um 9 % gestiegen. Da die Betroffenen aufgrund der Covid19-pandemie später Hilfe suchen und die therapeutischen Angebote eingeschränkt sind, kommt es oft zu schwereren Krankheitsverläufen und einer erhöhten Rate an medizinischen Komplikationen.

Die Anzahl der Therapieplätze für eine stationäre Behandlung in den spezialisierten Fachkliniken für Psychosomatische Medizin und Zentren für Patienten mit Essstörungen ist begrenzt, sodass die Wartezeit für eine stationäre Betreuung und einen entsprechenden Therapieplatz deutlich angestiegen ist.

Knapp 2 % aller jungen Mädchen und Frauen leiden an einer Anorexia nervosa, zusätzlich treten bei vielen in dieser Altersphase sogenannte anorektiforme Episoden auf, ohne dass eine manifeste Erkrankung vorliegt. Bei Jungen und Männern werden wesentlich weniger Essstörungen diagnostiziert, im Laufe des Lebens erkranken durchschnittlich 1 % an einer pathologischen Essstörung.


Essstörung, was ist das?

Essstörungen sind eine ernst zu nehmende, behandlungsbedürftige psychosomatische Erkrankung. Die psychopathologischen Ursachen dieser Erkrankung sind vielfältig, charakteristisch ist eine idealisierte Vorstellung von einem reduzierten Körpergewicht, welches mit einer ausgeprägten Störung des Körperschemas und entsprechenden somatischen Veränderungen als Folge der Mangelernährung auftritt.

Essstörungen können zugleich für Resignation und pathologische Anpassung an eine positive Besetzung der Erwachsenenrolle stehen und stellen häufig Lösungsversuche für tieferliegende psychische Probleme dar.

Das Gefühl, sich über Essen oder Hungern Befriedigung zu verschaffen, führt vorübergehend zu einer schnellen Erleichterung und dem Erleben von Selbstbestimmtheit. Da diese Befriedigung jedoch nur von kurzer Dauer ist, benötigen die Betroffenen Wiederholungen. Die Essstörung erhält dadurch eine Eigendynamik und kann außer Kontrolle geraten. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis, in den die Patienten sich ausgeliefert fühlen.

Essstörungen haben die höchste Sterblichkeitsrate aller psychischer Erkrankungen. Die Sterblichkeitsrate essgestörter Patienten ist ca. 6 mal höher als die Sterblichkeitsrate der Normalbevölkerung.

Wann treten Essstörungen auf?

Die Entstehung einer Essstörung ist sehr komplex und multifaktoriell. Neben der genetischen Disposition sind Ängstlichkeit, Perfektionismus, ein hohes Kontrollbedürfnis, traumatische Erlebnisse und Essprobleme im frühen Kindesalter Risikofaktoren. Die Patienten sind typischerweise leistungsorientiert und angepasst.

Essstörungen treten meist bei jungen Menschen auf. Bulimie und Binge-Eating-Störungen beginnen vorwiegend im späten Jugend- und jungen Erwachsenenalter.
Soziokulturelle Ursachen, wie z. B. das in den Medien vorherrschende Schönheitsideal, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entstehung einer Essstörung.

Frühwarnzeichen

Besonders Eltern stellen sich die Frage, wie sie der Entstehung einer Essstörung vorbeugen können. Da sich die genetischen und soziokulturellen Faktoren kaum ändern lassen, werden hier die individuellen und familiären Schutzfaktoren vorgestellt.

Einen besonderen Schutz bieten positive Vorbilder, wie zum Beispiel das Vorleben eines positiven Körperbildes und das Vermeiden von Diäten. Tragfähige und belastbare familiäre Beziehungen sind ebenso ein Schutzfaktor wie eine positive Streitkultur und Konfliktfähigkeit in der Familie. Weitere protektive Faktoren sind die Relativierung von Leistung, indem Eltern und Familie vorleben, dass sie sich nicht durch Leistung allein definieren, sowie eine gesunde Esskultur.

Früherkennung

Angehörige aber auch Freunde sind oft die Ersten, die ein verändertes Essverhalten oder den Gewichtsverlust beobachten aber auch andere Symptome wie sozialen Rückzug oder Niedergeschlagenheit. Wichtig ist hierbei, dass Gewicht, Figur und Essverhalten nicht im Mittelpunkt des Gespräches stehen sollten und Vorwürfe und Schuldzuweisungen unterbleiben sollten. Es ist für Betroffene oft eine große Erleichterung, jemanden zu finden, der Ihnen zuhört und die eigene Situation nachvollziehen kann.

Weitere Symptome einer Essstörung sind kompensatorische Maßnahmen wie Erbrechen der Mahlzeiten, exzessiver Sport oder Medikamentenmissbrauch. Auch ständiges Wiegen oder „Body-Checking“ deuten auf eine verzerrte Körperwahrnehmung hin. An körperlichen Symptomen sind vor allem Verdauungsbeschwerden, Mangelernährung, Amenorrhö oder Kreislaufschwäche Frühwarnzeichen einer Essstörung.

Beratungs- und Informationsangebote für Menschen mit Essstörungen und deren Angehörige bekommen Sie unter anderem bei Beratungsstellen und Krankenkassen (online, persönlich und telefonisch).

Behandlung
Oft hören wir folgende Sätze von Betroffenen: „Reduziert mich nicht auf eine Essstörung, es verletzt mich sehr, wenn ihr Euch nur noch für mein Essverhalten interessiert. Ich will als Mensch wahrgenommen werden und nicht als Essgestörte.“

Die Behandlung einer Essstörung kann sowohl ambulant durch Psychotherapie, Ernährungsberatung und Medizinische Versorgung unter Einbeziehung von Angehörigen stattfinden als auch stationär. Eine ambulante Behandlung hat den Vorteil, dass die Patienten im gewohnten häuslichen Umfeld bleiben und Alltagsbelastungen direkt in der Therapie bearbeitet werden können. Zusätzlich bleibt der Patient in seinem sozialen Umfeld.

Die stationäre Behandlung in Spezialkliniken für Psychosomatische Medizin und Essstörungen ist dann notwendig, wenn eine schwere körperliche Gefährdung besteht, weitere schwere psychische Störungen vorliegen oder eine ambulante Therapie keine Besserung der Symptomatik erreicht hat.

Behandlungsziele für Patienten mit Essstörungen sind das Lernen sowie das dauerhafte Beibehalten eines gesunden Essverhaltens, die Normalisierung und Stabilisierung des Körpergewichtes sowie die Behandlung der körperlichen und seelischen Folgen der Essstörung. Ein wichtiger Aspekt ist auch die Behandlung psychischer Erkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen, Ängste oder Zwangsstörungen, die die Essstörung begünstigen oder aufrechterhalten können. Zuletzt sollte die Unterstützung bei sozialen Problemen in der Schule, am Ausbildungsplatz oder bei der Arbeit, bezüglich der Wohnsituation und in sozialen Kontakten nicht außer Acht gelassen werden.

Sowohl nach einer ambulanten als auch nach einer stationären Behandlung ist die Nachsorge von großer Bedeutung.

So besteht für Personen, die in der Vergangenheit an einer Essstörung litten, nicht nur das Risiko für eine Symptomverschlechterung, sondern auch für einen Rückfall. Für Betroffene, sind Interventions- und Versorgungsstrategien nötig, um sie bestmöglich während der Pandemie zu unterstützen. Neben spezialisierten Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen für Essgestörte existieren z. B. therapeutische Wohngruppen.

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