Artikel erschienen am 07.08.2023
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Mehr Klang – mehr Vielfalt – mehr Freiheit

Eine neue Generation von Hörsystemen

Von Stefan von Siegroth, Stuttgart, Nagold | Julia Plewa, Braunschweig

Es strengt sie an, einer Unterhaltung von mehreren Personen zu folgen und erst recht, daran teilzunehmen. Die Konsequenz ist oft ein Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben.

Hörgeräte können den Alltag in vielen Hörsituationen enorm erleichtern und dafür sorgen, dass am alltäglichen Leben weiterhin aktiv teilgenommen werden kann.

Da unser Tagesgeschehen sehr vielfältig geworden ist, sind auch die technischen Ansprüche an die Hörgeräte enorm gewachsen. Der Markt bietet eine große Vielfalt an unterschiedlichen Bauarten, Techniken und Zubehör. Diese sind ausgerichtet auf spezielle Hörsituationen wie Fernsehen, Vorträge, Telefonie oder Musik.

Neuere Untersuchungen bestätigen, dass das Herausfiltern und Verstehen von Sprache im Hörzentrum des Gehirns stattfinden. Dieses verschafft sich einen Überblick über die Geräuschumgebung, kann Klänge trennen und einzelne Gesprächspartner auswählen, um eine Verständigung zu ermöglichen. Jedes Gehirn arbeitet individuell. Dabei spielt die Toleranz gegenüber bestimmten Geräuschen oder Lautstärken sowie die Schnelligkeit in der Verarbeitung eine große Rolle. Es gibt Hörgerätehersteller, die genau an dieser Individualität arbeiten. Dem Gehirn soll so der Zugang zur gesamten Klangumgebung ermöglicht werden und damit die Hörbarkeit in allen Situationen des Alltags gewährleistet bleiben. Lärm wird unterdrückt und trotzdem bleiben Sprachdetails in wechselnden Klangumgebungen erhalten.

Die heutigen Hör-Computer können sich automatisch auf bis zu sieben unterschiedliche Hörsituationen einstellen, auch auf akustisch schwierige Konstellationen wie Restaurantbesuche, Autofahrten oder Konzerte.

Eine langfristig unversorgte Hörminderung hat zur Folge, dass sich nicht mehr genutzte Nervenbahnen für die Hörwahrnehmung im Gehirn zurückentwickeln und das Hören nach einer Versorgung mit einem Hörsystem erst mühsam wieder gelernt werden muss.

Umgebungsgeräusche wirken dann zu laut und der Betroffene versteht Sprache trotz der Versorgung mit einem Hör-Computer nicht zufriedenstellend. Nach einer Hörentwöhnung schafft es das Gehirn nicht mehr, die Höreindrücke in vollem Umfang zu interpretieren, da die Hörverarbeitungsstrukturen zu lange nicht genutzt wurden.

Eine kognitive Hörtherapie kann helfen, das Gehirn bei der Verarbeitung von Höreindrücken zu unterstützen und den Lernprozess zu beschleunigen. Mit einem Hörtest wird zunächst erfasst, wie gut die zentralen Bereiche der kognitiven Hörverarbeitung im Gehirn noch funktionieren. Anhand der Ergebnisse wird ein individuelles Hörtrainingsprogramm erstellt: Das Gehirn lernt, Lautstärke wieder richtig einzuschätzen und als normal zu empfinden und Sprache aus Umgebungsgeräuschen zu identifiziert und zu verstehen.

Neben der Hörentwöhnung gibt es auch eine Vielzahl an Hörstörungen, die das Verstehen ohne Hörverlust beeinträchtigen. Solche Hörstörungen sind zum Beispiel chronischer Tinnitus, Hyperakusis oder stressbedingte Auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung bei Erwachsenen und Kindern.

Tinnitus ist ein Symptom und keine Krankheit und äußert sich unter anderem durch ein Klingeln, Rauschen oder Pfeifen in den Ohren. Mithilfe der Hörtherapie soll der chronische Tinnitus kompensiert werden. Dabei wird die Hörwahrnehmung geschult, den Tinnitus zu ignorieren, und die Dominanz der chronischen Ohrgeräusche reduziert sich.

Die Hyperakusis ist eine krankhafte Geräuschüberempfindlichkeit, die zu einem hohen Stressempfinden führen kann. Mithilfe der Hörtherapie sollen das Gehör entstresst und Geräusche wieder als normal und erträglich wahrgenommen werden.

Können gehörte Informationen nicht richtig weiterverarbeitet werden, obwohl kein Hörverlust vorliegt, spricht man von einer Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS). Diese kann bei Erwachsenen gerade durch langanhaltende Stresssituationen verursacht werden. In der kognitiven Hörtherapie werden die auditiven Teilfunktionen wie Aufmerksamkeit, Lokalisation und Selektion analysiert und entsprechend trainiert.

Die ausführliche Beratung und der Austausch über die Hörstörungen sind wesentlicher Bestandteil bei einer Hörtherapie und aufgrund der für den Betroffenen teilweise belastenden Situation unabdingbar.

Die kognitive Hörtherapie dauert je nach Hörstörung 6 bis 12 Wochen und besteht aus einem wöchentlichen Termin beim Hörtherapeuten und einer täglichen Höreinheit und anschließenden Klangtherapie zuhause.

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