Artikel erschienen am 26.05.2017
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Serielle Bauweise

Die Rettung in Zeiten angespannter Baumärkte?

Von Dipl.-Ing. Jan Laubach, Braunschweig | Dipl.-Wirtsch.-Ing. Thomas Marcus, Braunschweig

Das Spannungsfeld ist riesig: Gerade die Oberzentren verzeichnen nach wie vor einen großen Bedarf an neu zu schaffendem, bezahlbaren Wohnraum. Aber die bisher realisierten Neubauvorhaben bleiben quantitativ weit hinter den Erwartungen zurück. Gleichzeitig wird das Bauen durch immer neue technische Vorgaben und hohe planungsrechtliche Vorgaben stetig teurer und das Ziel „bezahlbarer“ Wohnraum scheint fast unerreichbar. Gleiches gilt auch für unsere kommunalen Einrichtungen: Auch hier steigt der Investitionsstau von Jahr zu Jahr an. Bauphysikalische oder auch brandschutztechnische Anforderungen kommen zum eigentlichen Sanierungsumfang hinzu. Immer öfter sind Sanierungen wirtschaftlich nicht mehr darstellbar. Auch hier sind wirtschaftliche Neubaulösungen notwendig. Kaum ein Verband oder Expertengremium, dem jetzt nicht das Zauberwort „Serielles Bauen“ über die Lippen kommt. Was verbirgt sich hinter diesem Begriff und ist es tatsächlich die Lösung all unserer Probleme im derzeitigen Bau- und Immobilienmarkt?

Modulbauweise: Studentenwohnheim in Hamburg

Element- und modulbaubasierte Vorfertigung

Das serielle Bauen ist durch die Begriffe Standardisierung und Vorfertigung geprägt. Dabei ist zwischen der elementierten und der modulbaubasierten Bauweise zu unterscheiden. In der elementierten Bauweise werden einzelne Bauelemente (Türen, Fenster etc.) bis hin zu Halbzeugen (Decken, Wände etc.) oder aber gar Fertigbauteilen (z. B. komplette Wandelemente inkl. eingebauten Fenstern, vorbereiteten Installationen oder auch bereits montierten Außenverkleidungen) einbaufertig vormontiert und auf die Baustelle montagefertig geliefert. In der Modulbauweise werden komplett vorgefertigte Raummodule mit definierten Achsrastern nahezu ausstattungsfertig auf die Baustelle geliefert und montiert. Die Ausführungsarten reichen von Stahlbeton-, über Holztafel- bis hin zu Stahlfertigteilmodulen. Natürlich ist die architektonische Freiheit bei der elementierten Bauweise deutlich höher als bei der Modulbauweise, auch wenn sich hier bereits Lösungen etabliert haben, die nicht gleich als stapelbare Einheitsboxen vom Betrachter identifiziert werden.

Hohe Qualität durch Vorfertigung

Ein deutlicher Vorteil der seriellen Bauweise – unabhängig ob elementiertes Bauen oder Modulbauweise zur Anwendung kommen soll – ist die Vorfertigung in geschützten Produktionsstätten. Die Produktion kann also witterungsunabhängig und mit kontrollierten Qualitäten erfolgen. Das Qualitätscontrolling auf der Baustelle konzentriert sich auf den korrekten Ein- und Zusammenbau der Module und Elemente.

Zeitersparnis

Viele Auftraggeber verbinden mit der seriellen Bauweise eine Verkürzung der Projektzeit. Dies ist im Regelfall aber ein Trugschluss. Die eigentliche Bauzeit vor Ort reduziert sich deutlich, da vorgefertigte Elemente oder Module nur noch montiert werden müssen. Dies ist im Übrigen auch ein nicht zu vernachlässigender Vorteil bei innerstädtischen Baumaßnahmen, da damit auch die Beeinträchtigung der Nachbarn zeitmäßig deutlich reduziert werden kann. Demgegenüber muss man aber deutlich längere Vorlaufzeiten für die Vorproduktion der Bauelemente und Module einrechnen. Die genaue Werkplanung dieser Bauteile, das technische und logistische Einrichten der Produktionsketten in den Fabriken braucht meist eine Vorlaufzeit, die den Vorteil der reduzierten Bauzeit vor Ort deutlich auffrisst. Die Bestellzeiten für vorgefertigte Systembäder können zum Beispiel je nach Saison und Komplexität der technischen Lösungsvariante durchaus 6 bis 12 Monate betragen. Unter dem Strich wird sich deshalb die Gesamtprojektlaufzeit durch die Einsatzmöglichkeit des seriellen Bauens i. d. R nicht verkürzen.

Kostenersparnis

Auch das Argument des Kostenvorteils der seriellen Bauweise gegenüber der konventionellen Bauweise „Stein auf Stein“ gehört gehörig auf den Prüfstand! Eine Studie der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e. V. / Schleswig Holstein hat ergeben, dass die konventionelle Bauweise im Wohnungsbau kostenmäßig dem seriellen Bauen überlegen ist. Generell gilt, dass sich das elementierte oder modulare Bauen erst bei großen Stückzahlen rechnet. Eigene Erfahrungen haben ergeben, dass sich z. B. der Einsatz von vorgefertigten Badmodulen erst bei einer Stückzahl von mindestens 50 identischen Bädern ergibt. Weiterhin ist zu beachten, dass es nur sehr wenige Anbieter auf dem Markt gibt, die im seriellen Bauen nennenswerte Erfahrung haben und somit wirklich wirtschaftliche Lösungen anbieten können. Dieser eingeschränkte Markt führt natürlich automatisch auch zu einem höheren Preisniveau.

Architektonische und städtebauliche Qualität

Viele bezeichnen die Entwicklung des seriellen Bauens schon als „Platte 2.0“. Soweit muss es nicht kommen. Das elementierte oder auch das modulare Bauen haben sich in den letzten Jahren sowohl städtebaulich als auch architektonisch entwickelt. Die eingangs angesprochene Notwendigkeit der Serie hat natürlich aber Einschränkungen in der Gestaltung gegenüber dem konventionell errichteten Bauwerk.

Case Study #1 – Modellhäuser realisiert in Hamburg-Wilhelmsburg

Sinnvolle Ergänzung aber kein Allheilmittel

Das serielle Bauen wird seinen Beitrag zum kostengünstigen Bauen leisten können. Bevorzugt im Außenbereich, in dem z. B. beim Bauen auf der „grünen Wiese“ große und gleichartige Serien hergestellt werden können. Innerstädtische Lösungen des seriellen Bauens können z. B. typisierte Dachgeschossausbauten aus Fertigteilen bei gleichartigen Wohnkomplexen sein. Im kleinformatigen, innerstädtischen Bereich bietet das serielle Bauen den Vorteil der kurzen Bauzeit vor Ort und somit eine reduzierte Beeinträchtigung der Nachbarn durch die Bauphase. Bei kleinen Serien kann aber davon ausgegangen werden, dass kein zeitlicher oder wirtschaftlicher Vorteil gegenüber der konventionellen Bauweise erreicht wird.

Bilder: Fotolia/JSB31 | „Studentenwohnheim in Hamburg als Holzmodulbauweise von Kaufmann Bausysteme“ aus dem Artikel vom 31.12.2016 von Sigurd Maier | „Case Study #1“ der Schwörer Haus KG Oberstetten, Architekt: Fusi & Ammann Hamburg, aus der IBA Berlin 2020 „Studie Serieller Wohnungsbau Standardisierung der Vielfalt“

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