Artikel erschienen am 15.06.2017
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Investoren aus China – Fluch oder Segen?

Rahmenbedingungen für chinesische Investitionen im deutschen Mittelstand

Von Prof. Dr. iur. Frank Diedrich, MLE, Hannover | Jörg Offenhausen, Hannover

Die bösen Heuschrecken aus der Volksrepublik China übernehmen deutsche Traditionsunternehmen, saugen das Know-how aus und verlagern sodann Entwicklung und Produktion nach China. So oder ähnlich lesen sich oftmals die lärmenden Überschriften in deutschen Medien. Wie immer im wirklichen Leben ist zu differenzieren.

Um die Antwort auf die gestellte Frage vorweg zu geben: Jegliche Investoren sind weder Fluch noch Segen, sondern eine Option, um kühl kalkulierend einen beiderseits hohen Return-On-Investment-Faktor (ROI) zu erwirtschaften. Aufgrund der unterschiedlichen rechtlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Hintergründe ausländischer Investoren gilt es jedoch, etwas behutsamer an die gemeinsame Erkundung geschäftlicher Möglichkeiten zu gehen.

Die folgenden Punkte sollen als erste Orientierung dienen, um die großen unternehmerischen Chancen für den deutschen Mittelstand durch chinesische Investoren ruhig und sachlich zu prüfen. Dabei wird ebenso kurz auf deutsche Investitionen in China eingegangen, wobei Joint Ventures oftmals beide Märkte bedienen zu wollen enthalten.

1. China – eine andere Kultur, Denkweise und Wirtschaftsverfassung

Immobilienboom, hohe Bedeutung politischer und persönlicher Verbindungen, Restriktionen beim Geldtransfer ins Ausland, wohlhabender Mittelstand und riesiger Absatzmarkt sind Stichworte, die alle auf die Volksrepublik China aktuell zutreffen.

Und „alle“ sind bereits vor Ort, um ein Stück vom großen Kuchen abzubekommen. Die Bundesrepublik Deutschland unterstützt nach Kräften das Wirtschaften deutscher (Groß-)Unternehmen in China.

Die Staatsverfassung der Volkrepublik China geht indes immer noch vom Primat der Kommunistischen Partei aus, an der man nicht vorbeikommt. Zuständigkeiten für Genehmigungen sind oftmals in verschiedenen Ministerien angesiedelt, wo es in Deutschland bestenfalls ein Ministerium gibt. Überlappende Kompetenzen sind politisch gewollt und erhöhen den internen Wettbewerb. Die Mitarbeiter etwa im chinesischen Handelsministerium (MOFCOM) sind indes allesamt exzellent ausgebildet; die Bundesrepublik Deutschland unterstützt über Mittlerorganisationen sogar deren Fort- und Weiterbildung.

Dennoch drängt es die Chinesen immer mehr beruflich und privat ins Ausland. Gründe hierfür sind vielschichtig – vom Nachholbedarf bis hin zur tatsächlich atemberaubenden Umweltverschmutzung, die im winterlichen Peking regelmäßig zu Schließungen von Kindergärten und Schulen führt. Denn dem toxischen Smog kann man in einem Umkreis von 100 km nicht entkommen.

Hinzukommt, dass die Regierungspolitik seit einiger Zeit Investitionen von Chinesen in ausländische Unternehmen und Renditeobjekte fördert. Und es gibt mittlerweile einen im Vergleich zu Deutschland riesigen Mittelstand, der sein Portfolio gern diversifizieren möchte.

Deutsche stehen aus historischen Gründen (u. a. wegen der Zurückhaltung beim Boxeraufstand, 1900) als die Guten da und werden von Chinesen stets bevorzugt behandelt. Hinzu kommt die unverhohlene Bewunderung für innovative, hochwertige Produkte und die vielen Weltmarktführer aus dem international einzigartigen deutschen Mittelstand.

2. Investieren in China

Zwar ist der Markt in China riesig und die Kaufkraft enorm, jedoch erfordert der Marktzugang erhebliche Investitionen. Es ist immer noch für Ausländer in den meisten Branchen ein Joint Venture erforderlich, bei dem ein chinesischer Partner mit an Bord ist.

Andersartiger Schutz des geistigen Eigentums und der gesetzlich bestimmte Technologietransfer in ein Joint Venture machen die Markteroberung sehr schwer. Ohne Verbindungen zu seriösen chinesischen Mittelsleuten sowie fundierter rechtlicher Absicherung ist ein Marktzugang kaum wirtschaftlich sinnvoll zu realisieren.

Allerdings können deutsche Unternehmen gerade jetzt im Bereich E-Commerce über entsprechende chinesische Plattformen (u. a. Alibaba.com) erfolgreich und mit relativ geringem Aufwand in den chinesischen Markt einsteigen. Ausländische Lebensmittel wie Milch, Babynahrung und Mineralwasser erfreuen sich einer hohen Binnennachfrage, weil bedenkliche Inhaltsstoffe chinesischer Lebensmittel im Zweifel weit oberhalb deutscher und europäischer Grenzwerte liegen. Ebenso werden alle Arten von Luxusartikeln nachgefragt, wobei hier im Einzelfall genau zu prüfen ist, ob nicht etwa erhebliche Einfuhrumsatzsteuer verlangt wird.

Für Direktinvestitionen in China ist eine umfassende langfristige Strategie erforderlich, um nicht über die eigenwilligen Strukturen zu stolpern. Rechtssicherheit existiert in China, gerade im Bereich gewerblichen Rechtsschutzes, erst in Ansätzen und die einzelnen Provinzen haben eigene Regelungen und Gerichte. Zudem haben Chinesen oftmals eigenwillige Vorstellungen von Vertragstreue, die es einzurechnen gilt, um kostspielige Überraschungen zu vermeiden.

3. Investitionen aus China

Die Gründe für Investoren aus China, am Standort Deutschland zu investieren, sind vielfältig. Eingangs waren die üblichen Heuschrecken skizziert, die aber nur einen Bruchteil des Potenzials ausmachen. Zwar gibt es staatliche Banken und Unternehmen, die mit offizieller Unterstützung auf der Suche nach High-Tech-Unternehmen sind, jedoch ist auch seit einiger Zeit Deutschland als Produktionsstandort interessant geworden. Denn „Made in Germany“ steht für Qualität, die chinesische Verbraucher schätzen und nachfragen. Die Chinesen mögen nämlich die nachgemachten (kopierten), teilweise minderwertigen Produkte ihrer Landsleute keineswegs.

Der chinesische Mittelstand möchte sein u. a. durch Immobilienspekulationen verdientes Geld im Ausland anlegen und sein Portfolio diversifizieren. Die Investition in Unternehmen in Deutschland ist eine Methode, überhaupt liquide Mittel aus China herauszubekommen. Es existieren sehr strenge Devisenbestimmungen, die die Zahlungen von und nach China erheblichen Restriktionen unterwerfen.

Bei den Branchen kommen für chinesische Investoren aber nicht nur das produzierende Gewerbe in Betracht, sondern auch Hotels, Immobilien und dergleichen. Auch der Tourismus spielt eine bedeutende Rolle, zumal Deutschland im Herzen Europas liegt und sich für eine „Grand Tour“ im Bereich Kultur und Shopping geradezu anbietet. So ist es nicht verwunderlich, dass sich der Internationale Flughafen Parchim mit seinem Riesenareal seit Jahren in den Händen umtriebiger Investoren aus Peking befindet und weiter als Standort entwickelt werden soll.

4. Ablaufplan für chinesische Investitionen in Deutschland

Der konkrete Ablaufplan für Investitionen aus China unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen ausländischen Investoren. Zunächst gilt es, geeignete Unternehmen oder Objekte zu identifizieren.

Dabei ist zu beachten, dass etwa 60 % der chinesischen Investitionen durch Übernahme deutscher Unternehmen bereits nach wenigen Jahren gescheitert sind. Dies wissen Chinesen und sind entsprechend (über-)vorsichtig.

Daher spielen Marktanalysen sowie Due-Diligence­Prüfungen eine besonders wichtige Rolle, um mit soliden Daten das Vertrauen chinesischer Investoren herzustellen.

Sodann führt der Weg in der Regel vom Memorandum of Understanding zu einem Joint Venture oder anderen (gesellschaftsrechtlichen) Formen der Direktinvestition. Exzellente chinesische Dolmetscher sind hierfür essenziell.

5. Zusammenfassung

Die Chancen für den deutschen Mittelstand durch Direktinvestitionen aus China sind enorm. Ebenso bietet das Land der Mitte für mittelständische Unternehmen einen riesigen Absatzmarkt. Teilweise wird die angeblich andersartige Kultur der Chinesen überschätzt, andererseits schlägt sich die einzigartige Kombination zwischen Turbo-Kapitalismus und Kommunismus auch im Geschäftsgebaren der Chinesen nieder. Für chinesische Investoren sind das Hier und Jetzt sowie konkrete Renditechancen von zentraler Bedeutung. Viele Investitionen werden von chinesischen Investoren langfristig geplant – Zeit scheint keine Rolle zu spielen, dann aber muss alles plötzlich erledigt werden.

Info

Das Konsum­tempo in China stellt alles in der alten Welt in den Schatten. Chinesen in den wirtschaftlich aufstrebenden Städten wollen nur die neuesten, schnellsten und hochwertigsten Produkte – vom Auto über Kleidung bis hin zur Küchengestaltung – möglichst „Made in Germany“.

Bild: MediaWorld

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